| Tagebuchaufzeichnungen des Hamburger Druckereibesitzers Karl-August
Johler (*1905 +1982)
Sonntag, 25. Juli 1943
Seit einer Woche sind wir - Elsbeth, E. (8), D. (5) und ich in Pönitz
am See. Pönitz liegt ca. 6 km landeinwärts von Scharbeutz/Ostsee.
Wir wohnen bei K., ein Bauernhof mit einer Reihe Holzhauszimmern
direkt am See. Unsere Fahrt per Eisenbahn - ein Auto steht seit
dem 1.9.1939 nicht mehr zur Verfügung - war normal. Der Bahnhof
liegt jedoch 4 km entfernt.
Es sind seit 10 Jahren meine ersten Ferien. Zu meiner Orientierung
schreibt Oko (Otto Kornmacher, unser Oberdrucker) am 19.7. "Es
geht alles seinen Gang!! Woche war gut. Gestern Abend Klönschnack
Peterskampweg 18, von 21 - 23 Uhr ?blauer Alarm. In Eile. Oko."
Es war eine schöne Woche mit Sonnenschein und Wärme.
Ich lehrte D. das Klettern im Baum. Festhalten und die Standfestigkeit
bei jedem neuen Ansetzen des Fußes prüfen. Elsbeth ist
im 2. Monat.
Letzte Nacht war von 1h bis 2 ½ starkes Motorengeräusch,
Flakabwehr mit Alarmen. Die Sonne kann sich nicht gegen die Wolken
durchsetzen. (Es war der Rauch über Hamburg, der sie verdunkelte).
Ein neuer Gast (Herr Niebuhr) kommt aus Hamburg erst 22h an und
erzählt schreckliche Nachrichten. Darauf versuchte ich Montag
früh um 7h ein Blitzgespräch. Die Verbindung kommt endlich
um 14h! Darauf sofort nach Hamburg! 18h unsere Wohnung hat wieder
Luftdruckschaden. 19h im Geschäft. Alles voller Glas und Staub;
das Zimmer hinten ist abgebrannt. Ein Haus Peterskampweg 18 ist
total ausgebrannt. Zu Fuß zur Neubertstrasse. Keine Straßenbahn
fährt. 23h wieder zu Hause. 24h Alarm. Gehe zum Nachbarn. 2h
nachts endlich Ruhe.
Den ganzen Dienstag im Geschäft aufgeräumt. Glas, Staub,
Glas. Es gehört schon Mut dazu aufzuräumen. Herr S. von
der Druckerei xxx hat sich die Mühe gemacht uns seine Hilfe
anzubieten, wenn wir ihrer bedürfen. Noch wissen wir nicht,
wie wichtig für uns seine Hilfsbereitschaft werden sollte.
Auf Bitten meines Bruders Ingo, der ja die Nacht zum Sonntag erlebt
hat und dessen Haus zerstört wurde, gehe ich am Abend mit Familie
D. welche im gleichen Haus wohnen wie wirin den nächstliegenden
Luftschutzkeller. Es ist die frühere Villa der Familie Helbing
am Marktplatz von Wandsbek. Es ist die im Keller befindliche Waschküche.
Sie hat Gewebedecken und Luftschutztüren.
Von 0h55bis 1h45 also 50 Minuten geht ein unaufhörliches Bombardement
des schwersten Kalibers auf Wandsbek nieder. Als sich die Geräusche
verändert hatten und Entwarnung gegeben wurde, gehe ich durchs
Haus auf das Dach, um eventuelle Brandbombeneinschläge zu überprüfen.
Ein schauriger Anblick vernichtender Feuersbrunst zeigt sich mir
rundherum!! Die Hitze der Flammen erzeugen einen Sturmwind! Der
Sog des fast flächenartigen Brandes ist unbeendet. Es ist ein
Schauspiel, das mich an Nero beim Brand Roms denken lässt.
Bei aller Tragik war es faszinierend! Was wird hier vernichtet worden
sein! Als es hell wurde, gehen wir mit bangem Gefühl zur Löwenstrasse
48. Mein Haus steht. Familie W. Familie G. sind obdachlos. Der Nachbar
S. hat einen Brand abwehren können. Ganz allein!
Um 7h bin ich Papenstrasse 119: Ausgebombt die Firma, ausgebrannt.
Vernichtet der Bau aus dem Jahre 1882. Ich versuche zu den Schwiegereltern
zu gehen. Es ist unmöglich, die Steinhaufen der zerstörten
Häuser zu überqueren. Der Schutt, die Trümmer sind
unvorstellbar. Ich komme nicht durch und gehe zurück. Die Strasse
waren keine Strassen, das Trümmergelände ist ohne jeden
Menschen. Wo mögen diese sein? Da ich nicht zur Neubertstrasse
gehen kann, gehe ich zurück.
Vor unserem Haus stehen die Herren Maly und Meister aus Hamm. Ihre
Familien sind auch in Pönitz. Sie bestehen darauf, dass ich
mitfahren soll. Ich tue es, wie auch Familie D. und Herr Schaub
und unser Hausmädchen Elsa mitfahren. Die grauenhafte Erinnerung
an die letzte Nacht festigen unsere Entscheidung. Um 11h geht noch
ein Zug von Wandsbek nach Lübeck. Um 18 1/2 h bin ich wieder
in Pönitz. Hier ist ein Frieden, der unnatürlich wirkt,
für den, der die Zerstörungen gesehen hat.
Es zieht mich nach Hamburg. Die Bahn fährt unregelmäßig.
So stelle ich mich an die Landstraße und trampe nach Lübeck
auf einem Lastauto und einem weiteren nach Hamburg-Wandsbek. Man
wird selbstverständlich mitgenommen. Ich finde meine Schwiegereltern
bei mir in der Wohnung. Wie kommen sie dahin? Ingos jüngster
Sohn hat mit John als Flakhelfer in Wilhelmsburg die Bombennacht
miterlebt. Er hat die Menschen fliehen und sterben sehen. Er suchte
meine Schwiegereltern auf und ging mit ihnen nach Wandsbek, weil
er dort mögliche Sicherheit vermutete. Um 21h kamen M und M.
Sie hatten einen Möbelwagen aufgetrieben, der unsere Wohnungseinrichtung
nach Pönitz fahren sollte. Sie wollten mich mitnehmen. Sie
fuhren ohne mich. So ging ich um 22 1/2h mit den Eltern und auch
dem Nachbar Schaub mit Koffern und drei kleinen Teppichen in den
Luftschutzraum der Hellburgischen Villa. Unglücklicherweise
hatte der Luftschutzwart, der sich aus Hamburg entfernt hatte, eine
Nottür verschlossen, weil dort einige persönliche Sachen
untergebracht waren.
Um 24h wurde Alarm gegeben. 20 Minuten vor eins begann das Bombardement.
Alle ca. 3 Minuten eine Detonation. Die Türen im Haus über
uns hören wir schlagen. Durch den Kamin der Waschküche
dringt Rauch in einige Räume. Wir sind so ca. 20 Personen.
Eine Luftschutzwolldecke mache ich mit Löschwasser feucht und
verzögere dadurch den Raucheintritt. Die Tür zum Nebenraum
schließe ich rechtzeitig, um dort frische Luft zu bewahren.
Ich bitte jeden, nur durch ein Taschentuch zu atmen. Das Haus über
uns ist vermutlich in Brand geraten. Mache vor jeder zeitlich kontrollierbaren
Bodenerschütterung alle Insassen darauf aufmerksam so will
ich die Schutzwirkung verbessern. Wir müssen 70 Minuten durchstehen.
Jeden Moment kann es bei uns einschlagen. Als die Hitze zum Atmen
zu stickig wurde, lasse ich jeden einzelnen schnell in den Nebenraum
gehen. Das Licht brennt schon lange nicht mehr. Ich schließe
als letzter die Tür hinter mir und bitte jeden, nur langsam
und ruhig zu atmen.
Nach der Entwarnung bleiben wir im Kellerraum. Denn im Dunkeln wage
ich nicht hinauszugehen. Es könnte ein Blindgänger oder
dergleichen im Wege liegen und unversehens zünden. Erst um
6h früh kommt ein Trupp, um zu prüfen. Man ruft laut:
"Ist hier noch jemand am Leben?" Unter dem abgebrannten
Haus vermutete man kein Leben mehr.
Unsere Wohnung ist bis zum Keller zerstört. Auch das Nachbarhaus
von Schaub. Es muss auch eine Bombe eingeschlagen sein. Jedenfalls
wäre ein Aufenthalt hier vermutlich tödlich gewesen. Wir
wandern zu Fuß zur Kaserne in Wandsbek Ost. Dort werden wir
hingelenkt. Ich verlasse meine Eltern und versichere ihnen, sie
bestimmt nachzuholen nach Pönitz. Von Rahlstedt kann ich noch
mit der Bahn nach Lübeck fahren. Herr Meister verspricht mir
telefonisch um 14 ½ ein Auto zu beschaffen. Erst abends um
22h kommt er. Aber nach Rahlstedt fährt er nicht! So mache
ich mich wieder auf den Weg und werde auf der Autobahn mitgenommen
bis Ahrensburg. Gehe zu Fuß zur Reichsstraße und kam
per Anhalter nach Rahlstedt. Bin in der Estorff Kaserne um 3h früh.
Die Eltern sind inzwischen abtransportiert, wohin? Nach kurzem Schlaf
in der Kaserne und Verpflegung marschieren wir um 10h nach Wandsbek,
Löwenstaße 48, zu unserer zerstörten Wohnung, nach
Eilbek, Papenstrasse 129, unserem zerstörten Druckereigelände,
nach Hohenfelde, Neubertstraße 36, der Wohnung meiner Schwiegereltern
und finde auch diese zerstört. Alles verbrannt. Alles zerbombt.
Die Straßen voller Steine der zerstörten Häuser.
Die Fassaden stehen zum Teil und aus den leeren Fensterhöhlen
blickt das Grauen und Entsetzen. Die Hitze ist fast unerträglich.
Die Sonne scheint mitleidlos. Ich marschiere zurück. Wenig,
kaum Menschen anzutreffen. Es ist der 31. Juli. Im Garten blüht
bei uns zum zweiten Mal der Mandelbaum. Das kommt durch die Feuer-Hitze
und die Sonnenhitze. Ich erkenne, dass in dieser einen Woche das
Wandsbek des Mathias Claudius untergegangen ist, dass die Tradition
einen Bruch bekommen hat, dass eine Leere entstandenen ist, dass
Bindungen von Familien und Freundschaften einer kaum erträglichen
Belastung ausgesetzt sind, dass die Geschäfte, wo meine Eltern
kauften, auch zerstört sind, dass wir allein dastehen werden.
Ich fühle mich fremd und verlassen und vereinsamt. Doch an
der Wandsbeker Chaussee habe ich Glück: Ein Hein Fries von
der Baubehörde nimmt mich in seinem Auto mit und fährt
mich bis nach Pönitz! Seltsam.
Am Sonntag kommen meine Eltern. Sie waren nach Bad Oldesloe gebracht
worden, weil Zivilisten nicht in Kasernen bleiben durften (Bombenziel)
und da sie wussten wo wir sind, konnten sie zu uns weiterreisen.
Wir bringen sie unter in einem Ferienhaus in der Nähe. J.`s
Koffer hole ich am Mittwoch nach.
Am Montag früh ½ 6 früh fahre ich noch mal nach
Hamburg. Der Gast, Herr Niebuhr, nimmt mich in einem Auto der Firma
xx mit. Wir können die Kontrolle umfahren, denn es darf keiner
ohne Erlaubnis nach Hamburg hinein. Wieder muss ich 3 ½ Stunden
durch Trümmer gehen, bis ich den Luftschutzkeller erreiche
in dem wir die schlimme Nacht verbrachten und noch drei Teppiche
liegen haben. Ich komme kam hinein, so kommt mir die Hitzewelle
entgegen. Mit meiner Last trampe ich um 12h zurück und bin
um 16h in Pönitz.
vgl. http://www.lauritzen-hamburg.de/gustav_johler.html
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