| Von Karl-August Johler, ca. 1965
Am 15. Januar 1876 gründete mein Vater, August Bernhard
Gustav Johler mit Friedrich Wilhelm Mühlmeister (beide Lithografen)
eine Kunstanstalt für Farbdruck und nahmen noch einen Buchhalter
R. Brauns dazu. Es wurden Räume in Eilbek, Pappelallee 2
+ 4, Ecke Hammersteindamm, angemietet.

Vor 1900. Friedrich Wilhelm Mühlmeister,
Mitgründer von Mühlmeister und Johler malte offensichtlich
auch Ölbilder. Er wurde am 19.2.1845 in Detmold geboren und
starb am 12.12.1900 in Wandsbeck-Hamburg. Er hatte am 31.12.1870
in Hamburg Dorothea Wilhelmine Brühling geheiratet. Friedrich
Wilhelm Mühlmeisters Vater war Hornist in Detmold, seine
beiden Grossväter Tischlermeister und Arbeitsmann. Nachkommen
Friedrich Wilhelm Mühlmeisters leben bis heute.
"Es war ein mutiger Schritt; aber Jugendjahre und Gottvertrauen
zeigten uns den Weg. Es war ein fröhliches künstlerisches
gottbegnadetes Schaffen" (Gustav Johler).
Zuvor war Gustav Johler als Lithograf von 1864 an tätig
in Budapest, Wien, Linz, Stuttgart, Düsseldorf und Berlin,
sodann nahm er eine Stellung als Direktor in der artistischen
Anstalt von Gustav W. Seitz in Wandsbek an. Hier schloss er Freundschaft
mit W. Mühlmeister, welcher neben anderen Druckereien auch
in der Firma Seitz beschäftigt war und in Hamburg ein lithografisches
Privatatelier beschäftigte.

1920. Gustav Johler(79).
Dem Teilhaber R. Brauns war wohl die Art der Arbeiten - künstlerische
Wiedergaben im Stenochromie-Verfahren (Vierfarbendruck von einer
Druckplatte) von Kunstblättern im eigenen Verlagsgeschäft
- zu wenig Erfolg versprechend; denn bereits 1881 war er ausgeschieden
und die Firma lautete nun Mühlmeister & Johler.
Mein Vater berichtet, dass sie den bisherigen Weg im eigenen
Verlag chromolithografische Bilder herzustellen verließen
und sie setzten ihr Ziel in der Schöpfung guter herausfallener
Plakate, die damals fast nur mit Buchdruckschrift und Holzschnittbildern
hergestellt wurden. Der Anfang war natürlich sehr schwer,
da diese neue Firma von der Konkurrenz verfolgt und in der großen
Hamburger Kaufmannschaft zunächst belächelt wurde; diese
waren gewöhnt, in Paris oder Frankfurt am Main arbeiten zu
lassen.

Aber Hamburg bot Gelegenheit Schiffe zu studieren. So versuchte
die junge Firma zunächst mit eigenen Entwürfen beim
Norddeutschen Lloyd in Bremen "anzuklopfen", bei der
Red Star Line in Antwerpen, bei den Schiffahrtsgesellschaften
in Rotterdam und Versingen, der Great Eastern Railway in London.
Mit diesen Entwürfen hatte man sofort ungeahnten Erfolg.
In den 80er Jahren bekam die Firma aus München eine Zeitung
für Kunst und Wissenschaft zugesand "dass sich in Hamburg
etwas bewege betreffs künstlerischer Plakate und Arbeiten,
die der Beachtung wert seien.
Am 1. Januar 1892 war laut Handelsregister Georg Bernhard Ulrich
in die Gesellschaft eingetreten, durch seinen Tod am 4. Oktober
1895 jedoch wieder ausgeschieden (laut Handelsregister vom 18.
Dezember 1895).
Am 12. Dezember 1900 starb Wilhelm Mühlmeister und seit
dem wird die Firma unter Fortführung des bisherigen Namens
von Gustav Johler und seien Erben geführt.
Als die Firma 1901 ihr 25jähriges Bestehen beging, war mmein
Vater 59 Jahre alt geworden.
Wohl die schwerste Zeit seit der Gründung war das Cholerajahr
1892. Die auswärtige Kundschaft wollte keine Lieferungen
erhalten aus Sorge, dass Krankheitskeime eingeschleppt würden.
Aufträge wurden zurückgezogen.
Mag sein, dass die dadurch entstandene Illiquidität durch
den Teilhaber Ulrich (1892 - 1895) behoben werden konnte.
 
Um 1900 waren aber auch die Hamburger Schiffahrtsgesellschaften
wie Hamburg-Amerikanische Paketfahrt AG, Die Hamburg-Südamerikanische
Dampfschiffahrtsgesellschaft, die Levante Linie, Woremannline
usw. Auftraggeber geworden.

Die Handpressen waren seit langem durch Steindruck-Schnellpresser
bis zum Druckformat 110 x 145 cm ergänzt worden. Hierfür
war 188? ein Druckereigebäude mit großem Maschinensaal
in Eilbek, Papenstraße 119 Ecke Peterskampweg gebaut worden.
Mit Dampfmaschinenkraft wurden die Maschinen über Treibriemenwellenantrieb
in Bewegung gesetzt.
1903 entschloss sich mein Bruder Ingo Johler nach dem Schulabschluß
auf einem Humanistischen Gymnasium den Beruf des Steindrucker
zu erlernen und meinem Vater später zur Seite zu stehen.
Doch im 1. Weltkrieg von 1914 - 1918 musste mein Vater die Aufgabe,
die Firma zu führen, wieder allein übernehmen. Als Ingo
Johler 1919 vom Militär entlassen worden war, war mein Vater
inzwischen 78 Jahre alt geworden, körperlich und geistig
weiterhin sehr rüstig.

Ingo (1884 - 1950) und seine Frau Erika Johler
Die Firma hatte inzwischen 6 Steindruck-Schnellpressen mit einer
Stundenleistung im Leerlauf von 700 Zylinderumdrehungen, bedingt
durch den zweimaligen Stopp des Steinkarrens bei Vor- und Rücklauf.
Insgesamt wurden ca. 60 Mitarbeiter beschäftigt.
Es war gut, dass Ingo Johler 1923 die Weltausstellung in London
besuchte und dabei erkannte, dass sich das Flachdruck- (Steindruck)Verfahren
im großen Wandel befand: Die Drucktechnik entwickelte sich
vom direkten zum indirekten, dem Offsetdruck und die Handlithografie
zur Fotolithografie.
Als die Firma 1926 ihr 50jähriges Bestehen feiert, ist die
technische Neuorientierung voll im Gange.
Als ich 1924 nach dem Schulabschluss im Realgymnasium die Lehre
begann, wurde ich noch mit dem bisherigen Weg der Technik bekannt
gemacht und habe in meinen Lehrjahren des Flachdrucks (bis 1927)
und darauf folgend (bis 1930) die Fotografische Technik kennen
gelernt und den ganzen Umbruch des Verfahrens mitgemacht.
Die hat mich dann in die Lage versetzt, ab 1930 in praktischer
Tätigkeit als Offset-Reprofotograf und Montierer und Kopierer
mit meinnen Druckkenntnissen die Gesamtleitung über die Druckerei
auszuüben.

1935. Blick in den Druckereisaal von Mühlmeister & Johler
Die Fotografie arbeitete damals auf selbst beschichteten Glasplatten
von 24 x30 cm bis 100 x 120 cm beschichtet mit Kollodum Emulsion
bei rotem oder grünem Dunkelkammerlicht. Die Kopie erfolgte
auf Lithografiesteinen, welche vorher beschichtet wurden mit Albunin
Eiweiß, das auch selbst angesetzt wurde.
Die Umstellung auf Zinndruckplatten und endlich die Verwendung
von fotografischem Trockenmaterial (1936) war zum Teil Schwerarbeit.
Die wirtschaftliche Not der Jahre seit 1930, die auch unser Gewerbe
in Mitleidenschaft zog, veranlasste mich, eine Betriebsabrechnung
einzuführen und über Tageszettel die Kosten zu erfassen,
um die betrieblichen Ausgaben zu beobachten.
Ein Erweiterungsbau im Jahre 1929 und der Kauf einer Zwei-Farben-
Offset bei gleichzeitigem Rückgang der Aufträge hatten
unsere Firma gezwungen, eine Hypothek von 75 000,- Goldmark aufzunehmen.
Ich begleitete meinen 88jährigen Vater, der die Unterschrift
bei dem Hypotheken-Makler Nikolaus van der Meeden leistete. Es
war ein schwerer Gang zu einer Schuld im hohen Alter.
1945 haben wir die Schuld vorzeitig löschen können.
rgleichen?"
Als 1932 der Bücherrevisor Otto Fröhlich für uns
die Bilanz von 1931 aufgestellt hatte, stellte er uns die Frage:"Wollen
Sie nicht vergleichen?" Mein Bruder Ingo, der die kaufmännische
Leitung und Führung inne hatte, verneinte schroff. Die Situation
war sehr ernst, wenn man bedenkt, dass die Freiberger Papierfabrik
uns keine Lieferung vor Bezahlung zukommen lassen wollte. Unsere
Rechnung bevorschusste der Fabrikvertreter Karl Hesselbacher die
letzte ausstehende Rechnung von ca. GM 2000,-. Ich wurde eingeweiht
in diese große Hilfe, um auch für die Rückzahlung
mitzusorgen. Vielleicht dachte mein Bruder Ingo an eine ähnliche
Situation im Jahre 1901, als nach einem lange andauernden Streik
mein Vater meine Mutter fragte:"Soll ich vergleichen oder
schließen?" Damals war es meine Muutter, die ihm den
Mut und die Zuversicht gab auszuhalten. Vielleicht waren es diese
beiden mir bekannten Situationen, die mir die Willenskraftgaben,
1943 nach totaler Zerstörung nicht aufzugeben, sondern sofort
und gegen die Einstellung meines 60jährigen Bruders unverzüglich
mit dem Wiederaufbau zu beginnen.
Es hat sich gezeigt, dass in allen Fällen 1892 (Cholera),
1901 (Streik), 1932 (Illiqidität), 1943 (Totalverlust durch
Bombardierung) richtige Entschlüsse gefasst und durch Tatkraft
zum Erfolg geführt haben. Mit einem 8 Stundentag war der
Erfolg nicht möglich, unter 10 -12 Stunden lag kein Arbeitstag.
Und wenn ich nicht mit Einsatz und Leistung sowie Vorbild vorangegangen
wäre, hätten meine so tüchtigen Mitarbeiter, allen
voran Herr Kornmacher (seit 1933), Herfr Brejla (seit 1935), Herr
Franz (seit 1936) und manch andere nicht so allseitig anerkannt
technische Leistungen vollbracht. Durch unsere qualitative Leistungsfähigkeit
waren wir bekannt als am 1. September 1939 der unglückselige
Krieg ausbrach. Durch unsere Leistungen der Arbeit kamen wir in
die Auufgaben des Kartendrucks, in die Entwicklung zur Herstellung
von Kompassrosen auf Plexiglas für die Fa. W. Kopperschmidt,
konnten wir für tüchtige Fachleute unserer firma die
U.K.Stellung erwirken und damit Voraussetzungen für unsere
Überlebenschance von Mühlmeister & Johler schaffen.
Karl-August Johler, o.J.
Selbstreflexion über das Schicksal
Karl-August Johler, ca. 1965
Wir stehen immer auf den Schultern anderer. Was wir tun und wie
wir es tun, ist eine Synthese aus Ererbtem und Eigenem. Im Parallelogramm
der Kräfte ist dem eigenen freien Willen nur eine bescheidene
Rolle zugewiesen.
Geburt ist Schicksal. Eltern und Vorfahren haben wir uns nicht
ausgesucht. Stand, Vermögen, Gesundheit, Verstand sind uns
bestimmt. Anlagen können wir fördern, hemmen oder verkümmern
lassen.
Die Zeit, in welche wir geboren werden und in welcher unser Leben
sich vollzieht ist auch vom Schicksal gegeben. Freiheit des Willens
und der Entscheidung haben wir in der Wahl der Freunde, des Berufes,
der Lebensgefährtin. Damit werden wir wieder schicksalsbestimmend
für unsere Nachfahren. So schließt sich die Kette.
Woher führt die Kette? Wie setzt sch die Kette fort und was
weiß ich von der Kette, an die auch ich gekettet bin!?!
(Es folgen konkretisierende Gedanken zur Familie. D. Hrg.)
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