Historische Buchbesprechungen zu Maragrete Boies Roman
Seit 2026 gibt es dieses Namensschild in Morsum. Es würdigt die Verdienste von Margarete Boie an einem passenden Ort. Hier von Nösse aus hat man zugleich die Sicht auf den Hindenburgdamm, auch Syltdamm genannt. Der Bau dieses Damms und die damit ausgelösten Kontroversen hat die Schriftstellerin in ihrem bekanntesten Roman Dammbau verarbeitet.
Margarete Boie schreibt an Hans Johler über eine an sie per
Brief gerichtete Buchkritik:
"19.1.1931. ...nur in Eile mitten aus der Arbeit heraus: Soeben bekam
ich einen Brief von einer ganz Fremden: "Ich besitze und liebe seit
langem ihren "Sylter Hahn", nun las ich den "Dammbau". Ich bin, das
möchte ich sagen, nicht enttäuscht worden. Die Gestalt des Baumeisters
ist wundervoll, meine ganze Liebe aber gehört dem Dammbaupastor! Wie er
mit seinem unverwüstlichen Idealismus immer wieder an die schwersten P
r o b l e m e herangeht und sie durch praktische M e n s c h l i c h k
e i t zu lösen sucht und versucht, ist wirklich herzerhebend.!" - Ich
muß Ihnen das schnell erzählen, weil ich dies gerade ja nicht hätte
schaffen können, w e n n ... S i e ... e s ... n i c h t ... v o r h e
r ... g e l e b t hätten!
Herzl. Grüße! Ihre M. Boie."
Für Margarete Boie ist der Morsumer Pastor Hans Johler Vorbild für
ihre Romanfigur des Pastors Peter Boy Eschels.
Zum Namen der Romanfigur Pastor Eschels: Peter Boy Eschels nennt Margarete Boie den Morsumer
Pastor Hans Johler in ihrem Roman Dammbau. Der Name Eschels
ist keine Fiktion, sondern steht tatsächlich für eine alte Morsumer
Familie. Hans Johler stand in gutem Konkakt zu einem von ihnen. Peter
Boy Eschels (* 1.9.1848 in Morsum, +24.2.1922 in Morsum) lebte als
Bauer in Morsum Osterende. Er war verheiratet mit Carolina Christina
Bleicken (*26.8.1865 in Morsum, +12.7.1918 in Morsum). Beide hatten
keine Kinder. Er schrieb über viele Jahre Tagebuch und wird deshalb in
heutigen Datenbanken auch als Heimatforscher bezeichnet. Der Blick ins
Vergangene mag das besondere Interesse des Pastors an ihm begründet
haben. Hans Johler war ja auch Familienforscher und stellte eine
umfangreiche Dokumentation zusammen, deren Ergebnisse auch in dieser
Website ihnen Niederschlag finden.
Eschels Tagebücher sind nach seinem Tod zusammen mit dem Haus, in dem
er wohnte, bei einem Brand vernichtet worden.
Hans Johler in seiner Grabrede für Peter Boy Eschels
gehalten am 2. März 1922 in Morsum (Nach einem Artikel in der Sylter
Zeitung, Auszüge):
"Das hohe Alter von reichlich 80 Jahren war dem teuren Toten
beschieden. Welcher Fremde die hochgereckte, ehrwürdige Gestalt etwa in
der Kirche sah, erkundigte sich weiter nach ihm. Unvergesslich war und
ist es mir, wie ich ihn zum ersten Mal sah, es war gerade heute vor
neun Jahren. Unvergessen wird er Euch allen bleiben, die Ihr ihn als
einen der Ältesten von klein auf gekannt habt, und der unter uns
wandelte wie ein Patriarch.- Warum ist sein Leben etwas so Besonderes?
Nicht allein des hohen Alters willen, sondern der großen Dankbarkeit
willen mit der er sein Leben von Jugend bis ins hohe Alter hinnahm aus
Gottes Hand. Uns allen ist viel gegeben, für das wir zu danken hätten,
aber wie wenig dankbaren Sinn zeigen wir? Er dankte Gott für alles!
Gott hat ihn mit reichen Gaben ausgestattet, Körpers und der Seele.
Kraft und Gesundheit war ihm in seltenem Maß verliehen, und seine erste
Medizin wurde auch seine letzte Medizin. Seine Geisteskraft war
staunenswert, seine Belesenheit, sein Gedächtnis bewundernswert. – Für
solche großen Gaben dankte er Gott wie für alles im täglichen Leben,
und die Liebe, die er von Gott erfuhr, ließ er wiederum seinen nächsten
in reichem Maß zuteil werden. Sein äußeres Leben vollzog sich in großer
Stille. Seine Mutter pflegte er aufopfernd bis zu ihrem Tod. Seine
Frau, mit der er die silberne Hochzeit feiern durfte, ging ihm schon
vor einigen Jahren, trotzdem sie erheblich jünger war als er, im Tode
voran. Kinder waren ihm nicht beschieden. Er aber nahm das verwaiste
Geschwisterpaar, seinen Neffen und Nichte, an Kindes statt an. Im
letzten Jahr war es ihm noch vergönnt, die Hochzeit seines Neffen und
Erben mitzuerleben. Er dankte Gott und liebte seinen Nächsten nach dem
Worte Gottes rein und lauter. Darum war es sein Bekenntnis, was wir auf
seinen Wunsch soeben gesungen haben: "Gott hat in meinen Tagen mich
väterlich getragen von meiner Jugend auf."Ja, wie er sich selbst von
Gott getragen wusste, so trug er die Seinen in steter Herzlichkeit. Und
das hat außer seinen nächsten Angehörigen ein weiterer Kreis Menschen
erfahren. Mit Rat und Tat war er in aller Stille ein Freund der Armen.
– Von Beruf war er Landmann, und seine bäuerliche Stelle nährte ihren
Mann. Darum war er der Nahrungssorgen enthoben. Im eigentlichen Beruf
war er als Privatgelehrter anzusprechen. Täglich saß er viele Stunden
bei seinen vielgeliebten Büchern. Vor allem studierte er das Buch der
Bücher, die Heilige Schrift, und viele fromme Werke. Sodann war es die
Geschichte der Heimat, die Vergangenheit der Insel, an der er mit
ganzer Seele hing. Glaube und Heimat, das sind die zwei Pole, um die
seine Gedanken kreisten. – Wie sein Leben, so war sein Sterben
friedlich. Ein längeres Krankenlager und harter Todeskampf blieben ihm
erspart. Wohl fühlte er das Ende nahen, dass für ihn kein Schrecken
war. Aber doch brachte er es fertig, bis zuletzt sein Tagebuch zu
führen. Erst der Tod nahm ihm Buch und Feder aus der Hand. – Im
Rückblick auf sein Leben bekannte er: "An mir und meinem Leben ist
nichts auf dieser Erd, was Christus mir gegeben, das ist der Liebe
wert." Er war allzeit bescheiden und von Herzen demütig. Als
sterblicher Sünder beugte er sich in Demut vor Gott, und Gottes Gnade
war die Sonne seines Lebens. Auf dem letzten Wort unseres Textes
"erretten" liegt der Hauptton, was auch der Entschlafende wohl
erkannte. Er wusste, dass die Seele des Menschen der Errettung bedarf,
und er war im Glauben an die in Christo erschienene Gnade selig. Darum
leuchteten seine Augen, wenn er sonntäglich in andächtigster Haltung in
der Kirche saß, von innerem Glanz. Und stiller Friede war über sein
ganzes Angesicht ausgebreitet, im Leben und auch noch im Sterben. Nun
ruhe er in Gotttes Frieden! Uns aber laßt sein Gedächtnis in Ehren
halten! Amen."
In diesem Brief setzt sich Maragrete
Boie mit Kritik an ihrem Roman Dammbau auseinander:
Auf
Seite 332 des Romans Dammbau sagt Pastor Peter Boy Eschels alias Hans
Johler
zu Rasmus Claasen, einem der wenigen geschäftstüchtigen
einheimischen Morsumer folgendes:
Diese Besprechung schickt Hans Johler aus Hamburg an seine Frau
Elwine in Flensburg und seine Schwiegermutter Elwine Ude in Lübeck in
der Schillerstraße 8, nachdem er mit seiner Familie Morsum verlassen
musste. "Euch lieben beiden Elwine Frau und Mutter, kann ich
heute die erste Kritik des Romans , der mein Leben rechtfertigt,
schicken."
Buchbesprechung von Curt Kohlmann in der "Lese", Köln,
ca. 6.9.1930:
Margarete Boie "Dammbau". Im Januar 1928 behandelte unser
Leitartikel das ragende Werk der Sylter Dichterin, die in ihren
Büchern: Der Sylter Hahn, Moiken Peter Ohm, Bo der Riese, Die treue
Ose, Die letzten Sylter Riesen - eine umfassende Geschichte der
friesischen Insel und ihrer sturmgewohnten, harten Bevölkerung
geschrieben hat. Mit dem vorliegenden Roman "Dammbau" krönt sie
abschliessend ihr Werk und enthüllt noch einmal ihre verständnisvolle
Liebe für den eigenwilligen Volksstamm, der kantig und knorrig die
Jahrtausende überdauerte, um nun doch dem Geschick aller
Ursprünglichkeit auf dieser Erde zu verfallen: aufzugehen in ein
größeres Ganzes. Wie sich die prachtvollen Friesengestalten gegen die
neue Zeit, die sich ihnen in dem Dammbau verkörpert, der die Insel enge
mit dem Festland verbinden soll, stemmen, um doch zu unterliegen. Das
ist von erschütternder, tragischer Wucht. Niemand kann sich der
Bitternis dieses Geschehens entziehen, zumal die Autorin mit
überragender Meisterschaft die in den Dammbau verwobene Tragik eines
Einzelschicksals, des letzten Morsumer Pfarrers, als Verstärkung der
Bitternis des Gesamtgeschehens zu malen versteht. In allen Nerven spürt
man beim Lesen dieses bedeutenden Kunstwerkes, welch eine zermalmende
Cäsur das Jahr 1918 in das Leben aller Zeitgenossen brachte, und wie
sehr es notwendig ist, sich so oder so damit abzufinden., das Buch
verdient wärmste Empfehlung.
Kritik des auf Sylt aufgewachsenen, in Hamburg literarisch
berufstätigen Thomas Hübbe in den Hamburger Nachrichten vom
22.11.1930::
Dammbau
Dieser Roman ist der Schlußstein des Baues, den Margarete Boie in die
nordfriesische, nämlich syltische Literatur mitten hineingestellt hat.
Zehn Jahre hat sie unter den Syltern gelebt, hat die Sylter Geschichte
und Sage studiert, eifrige Quellenforschung betrieben, Land und Leute
kennen, verstehen und lieben gelernt - und all dem Geschehen den Odem
des echten Künstlers eingehaucht: des Künstlers, nicht der Künstlerin.
Denn Margarete Boie schreibt sachlich nach Mannesart. Sie hat nun Sylt
verlassen; aber in den zehn Jahren hat sie uns eine Reihe von Arbeiten
geschenkt, die uns die Sylter Art kennen und verstehen lehren. Ich
erinnere an ihre Raomane "Der Sylter Hahn", "Moiken Peter Ohm", "Die
letzten Sylter Riesen", "Waal - Waal" - die alle in diesem Blatte ihre
Würdigung gefunden haben. Was sie nicht nur den Syltern, sondern uns
Deutschen schlechthin gegeben hat, das wird man erst in späteren Zeiten
ganz ermessen. Sie hat die schon schlafende Chronik dieser überaus
interessanten Insel nach langem Interregnum wieder aufgenommen, in
einer Form, daß auch der Nichtforscher es lesen mag. Sylter selbst tun
das nicht; da müssen Freunde helfen. Wie stark ihr Können ist, möge man
aus diesem ihrem Sylter Schwanengesang erkennen.
Vom Festlande nach Sylt wird ein Damm gebaut, der "Hindenburgdamm".
Welch eine Dastellungskraft, welche Phantasie gehört dazu, diesen Klei
und Schlick und dieses Gestein mit dem Kunstgewerbe eines Romans zu
umspinnen! Margarete Boie hat es fertig gebracht, freilich mit einer
Einschränkung: das übliche Liebespaar des Romans figuriert vornehmlich
nur einseitig, und dazu im wesentlichen negativ. Der Dammbau: das ist
es, worauf es ankommt, und um den sich alles dreht; und der auch die
Entwicklung der Liebesgeschichte nicht fördert, sondern unheilvoll
verzögert.
Das Dorf Morsum auf Sylt ist es, wo sich alles abspielt, das Dorf, das
dem Damm zunächst gelegen ist. Die Morsumer wollen den Damm nicht; sie
empfinden ihn als Störung ihres geruhsamen, anspruchslosen Daseins -
nicht mit Unrecht. Nun sind die Hauptpersonen des Ganzen der von der
Regierung beauftragte Baumeister des Dammes und der Pastor der Gemeinde
Morsum. Im Gefolge des Baumeisters steht das Heer der festländischen,
jedem Pastorale abgeneigten Arbeiterschaft. Der Pastor dagegen, als
"unser Pastor" von der Gemeinde empfunden, wird von dieser gedrängt,
mit ihr gemeinsam den Dambau zu verhindern. Er aber sieht weiter. Er
sieht, daß der Damm unabweislich komt, und rät der Gemeinde, sich
darauf einzustellen. Was für die Einheimischen das schlimmste ist: er
erblickt in den Massen der binnenländischen Arbeiter auch Seelen, die
seiner Fürsorge anvertraut sind. Das lassen sich die Morsumer nicht
gefallen, und so formt sich der Konflikt des Romans. Indessen: der Damm
wird gebaut, die ungeheueren technischen Schwierigkeiten bilden das
Hauptthema des Romans, nicht minder aber die souialen zwei Welten
stoßen hier zusammen; ihr Opfer ist der Pastor. Er muß weichen. Die
Morsumer haben ihn gestürzt; aber als er gehen muß - er, der selbst ein
Morsumer Kind ist - da haben sie das alles "nicht so gemeint". Der
Kenner dier Dinge darf hier verraten, daß dies tatsächlich das
Schicksal des letzten Morsumer Pastors gewesen ist. Nur gibt Margarete
Boie ihm in ihrem Roman einen anderen Namen; und zwar den eines noch
heute lebenden, christlich gläubigen Mannes von Morsum.
Buchbesprechung von Prof J. Malthaner in der University of Oklahoma
Press, April 1931:
Dammbau
Mit Liebe und feinem Verständnis malt M. Boie den Kampf , der einsetzt
zwischen der alten Generation mit ihrer gerechten, würdevollen und
selbstzufriedenen Art und der ruhelosen jungen Generation mit ihren
neueren Begriffen und abweichenden Anschauungen. Zwischen dem alten und
dem Neuen steht die heroische Figur des Morsumer Pastors, der sich
aufopfert im selbstlosen Bemühen, um seinen Leuten ein Führer zu sein
und zugleich das Beste an ihrer Eigenkultur zu retten. Die Erbauung des
Dammes gestaltet sich zum Symbol von Deutschlands Kampf nach dem
Kriege. Zugleich gibt das Buch eine interessante und wertvolle
Darstellung der Sylter Eingesessenen, und der klare Stil wie die
straffe Handlung machen die Erzählung angenehm lesbar.
Buchbesprechung aus dem Hamburger Fremdenblatt vom
29.4.1931:
Margarete Boie: Dammbau. Sylter Roman aus der Gegenwart. Verlag
J.F. Steinkopf, Stuttgart. Die Wirkung des Dammbaues auf
die Bevölkerung Sylts, die mit diesem Bau aufgehört hat, eine Insel zu
sein und zu dem Festland, zu dem sie ursprünglich gehörte,
zurückgekehrt ist, mußte tiefgreifend sein, konnte aber nur von einem
Schriftsteller geschildert werden, der so innig mit den Inselfriesen
verwachsen ist wie Margarete Boie. Der vorliegende Roman beweist denn
auch, daß sie die Eigenart ihrer Landsleute zu packen und zu schildern
versteht. Es war ein guter Gedanke, den Dammbau als ein Symbol des
Wiederaufbaues Deutschlands zu fassen und an ihm wie an einem Beispiel
zu schildern, welchen Hemmnissen und Widerständen beide begegnen. Das
schlimmste, das klingt auch aus diesen vortrefflichen Erzählungen
heraus, sind die i n n e r e n F e i n d e. Und wie der Vorkämpfer für
diesen Damm zerbricht an dem Widerstandseiner eigenen Heimatgenossen,
so hat auch Deutschland am schwersten zu kämpfen wider die eigenen
Landgenossen. Auch Deutschland hat seine "Morsumesen", wie Pastor
Eschels, der Held dieses Romans, diejenigen unter seinen Morsumer
Dorfgenossen nennt, die unbedingt am Alten hängen und ihn deshalb
hassen, weil er unter gewissen Vorbehaltenfür das "Neue" eintritt. Die
Typen dieser Inselfriesen sind prachtvoll wiedergegeben, allerdings
werden ihre Originale nicht allzu froh über diese Darstellung sein,
denn sie werden nicht etwa als die Vertreter einer großzügigen
Auffassung der friesischen Stammesart geschildert, sondern als die
Verteidiger eines kleinlichen Dorfegoismus, einer bösen Klatschsucht,
die sich nicht scheut, aus Vermutungen eine Anklageschrift gegen ihren
eigenen Pastor zusammenzudichten und seine Absetzung vom
Landeskirchenamt zu fordern. Diesen gegenüber steht die prachtvolle
Figur des Pastor Eschels, der sich aus Heimatliebe und Freude über den
Dammbau für die ärmliche Dorfpfarre von Morsum gemeldet hat und seine
ganze Energie daransetzt, seine Dorfgenossen, zunächst die Morsumer,
dann die ganze Sylter Bevölkerung, aufnahmefähig für das Neue zu
machen, das der Damm bringt. Man möchte ihn den "letzten Friesen"
nennen, und schon aus diesem Grunde verdient der Roman Beachtung. Wir
hoffen, entgegen dem Pessimismus der Verfasserin, daß es noch mehr
Eschels auf Sylt, Amrum und Föhr gibt. Eine prachtvolle Figur neben
diesem geistigen Dammbauer ist übrigens auch der wirkliche Baumeister
Bremer, der das "Werk des Satans" durch alle Fährnisse hindurchleitet.
Hans Johlers selbstreflektierende Gedanken
eingetragen in sein Buchexemplar von 1941. 1927 hatten Kirchenvorstand
und Kirchenvorgesetzte ihn zum Rückzug aus Amt und Gemeinde gedrängt.
"Das Böse ist immer agressiv gegen mich und sein Anblick
verletzt mein Empfinden. Aber mein Verletztsein überwinde ich, um zu
heilen in der Freiheit von mir selbst. Doch wo man den Lügen glaubt,
die mich anschwärzen, glaubt ohne zu prüfen, da triumphiert eben so
lange die vorübergehende Finsternis. Und so lange wir noch einen
Kraftaufwand brauchen, um eine Beleidigung zu überwinden, sind wir noch
nicht recht lebendig und ganz gesund. Sei leidensfest und bleib
unbeirrt durch Trübsal irgendwo in der Heimat im Aufbau! "Der Damm
steht!"
Warum befürwortete Romanfigur Peter Boy Eschels den Dammbau?
Antworten darauf finden sich im Roman von Margarete Boie z.B. auf S.
69f, als sie Pastor Eschels im Gespräch mit Baumeister Bremer sagen
lässt:...aber die Morsumer schätzen das Geld nicht nur höher als
Behagen und weichliche Bequemlichkeit, sondern höher auch als nützliche
Erkenntnisse. Bildung -Bildung- äh wat, gebildet sind sie soweit man
unter Bildung die Einheit versteht von Denken, Fühlen und Handeln, die
Einheit des Seins. Aber diese Morsumer Bildung liegt unterhalb der
Ebene, die ihren Fähigkeiten und Anlagen entsprechen würde. Ich möchte
sie herausschütteln aus ihrer faulen Beschränktheit!Der Mensch soll
sich nicht beschränken, er soll sich reckenund wachsen. Das wird den
Morsumern erst kommen, wenn ihnen das Festland in die Hacken tritt....
Wir haben Verstand, wir haben Wille und Entschlusskraft, aber das alles
schläft seit den Tagen der großen Sefahrt. Sie nehmen heute noch den
Viehdünger von den Weiden und brennen ihn als Feuerung - sie sind nicht
dumm, sie sind auch nicht eigensinnig, es sind tatsächliche innere
Hemmungen, verursacht durch die tausendjährige insulare
Abgeschlossenenheit. Und deshalb will ich den Damm, solange ich noch
hier lebe und fähig bin, den Morsumern auch einen geistigen Damm nach
Deutschland hinüberzubauen. Ich will ihn, obgleich er ein Werk des
Teufels ist und Morsum daran zugrunde gehen wird.
Margarete Boie lässt Pastor Eschels im Gespräch mit Gemeindevorsteher
Meinert folgendes sagen (S. 91f): Ich weiß wohl, dass der
festländische Landwirt keine Ruhe mehr kennt. Dass seine Freiheit,
seine Unabhängigkeit dahin, und er nicht mehr sein eigener Herr ist.
Was Deutschland an Landwirtschaft hat, wird von den Riesenernten
Australiens und Kanadas erdrückt. Hat der Bauer eine gute Ernte - der
Grußhandel die Neuyorker Börse halten die Preise niedrig, so dass er
keinen Vorteil davon hat. Und eine schlechte Ernte bringt ihn in
Schulden. Bisher war der Sylter Bauer von dieser Sklaverei noch frei.
Der Badebetrieb und die Westdörfer brauchten all seine Produkte und
mehr als das, und die schlechte Verbindung mit dem Festland, mit den
Handelszentren bewahrte ihn vor der Gleichmacherei, die von Übersee her
diktiert wird. Auf Meinerts Einwand, wenn die Sylter Dörfer sich
einig wären - entgegnet Peter Boi Eschels: So würde auch dies uns
Morsumern nichts nützen. Die Westdörfer würden uns immer überstimmen.
Müssten es auch, denn wenn dieser Damm nicht gebaut wird und diese
Verbindung über Dänemark beibleibt, und beibleibt, dass alle Gäste, die
auf die Insel kommmen, vorher in Hoyerschleuse eingesperrt werden, dann
muss der Besuch bald abflauen. Die Badeorte sind abhängig vom Damm, die
Sylter Landwirtschaft abhängig von den Badeorten. So sehe ich die Sache.
Pastor Eschels schildert seine Gedanken zum Dammbau gegenüber dem
Propst folgendermaßen (S. 238f): Die Erschütterung der
jahrundertealten Sylter Eigenkultur ist durch die Verbindung mit dem
Festland unvermeidlich. Die einzige Möglichkeit ihres Fortbestehens
liegt darin, daß die Insulaner vorher sich selbst ihrer bewußt werden.
Daß sie selbst ihren Eigenwert erkennen. Sie sollen lernen, sie sollen
wissen, was sie selbst wert sind! ...Das aber ist rein durch
Selbstbetrachtung und Selbstgenügsamkeit niemals möglich. Willst du
dich selber erkennen, sieh, wie die anderen es treiben! Die anderen:
die Festländer, die Herren vom Bau, die Arbeiter. An ihnen soll der
Sylter sich selbst messen lernen. Das Neue ist nicht mehr aufzuhalten.
Der Damm kommt, ob der Morsumer ihn will oder nicht.
Im Gespräch mit Rasmus Claasen argumentiert Pastor Eschels so (S.
281f): Was die abgeschlossene Entwicklung Griechenlands und Roms
meinem historischen Sinn, das ist das nunmehr vollendete Lebensbild
Sylts meinem lebendigen Gefühl- (Rasmus Claasen:) Das
vollendete - so sagst du selbst damit: Sylt ist tot! (Pastor
Eschels:) Und sage dennoch: Es lebe Sylt!...Kann doch ein jeder
Baum mehr als einmal in seinem Leben grünen, und wenn er im Winter auch
noch so tot aussah. Freilich hat,s keinen Zweck, die alten Blätter
künstlich festhalten zu wollen. Und wenn ihr Euer Sylter Friesisch
heute noch pflegt, müßt ihr dessen eingedenk sein, daß es euch nur noch
mit der Vergangenheit, nicht aber der Zukunft mehr verbindet - dein
Junge hat recht: es reicht über die Insel nicht hinaus. Heute aber
gilt,s für euch, aus deutscher Kraft zu leben; auf deutschem Stamm neue
Frucht zu treiben! Geh in den Lesesaal. Sieh dir den alten Globus an,
den Gondel dafür schenkte. Wie klein ist Europa! Wie winzig
Deutschland! Sylt ist ein Pünktchen. Morsum ein Nichts. Das Kleine und
Besondere aber geht immer mehr im Größeren und Allgemeinen auf -
(Rasmus Claasen:) - oder unter!
Hans Johlers Tochter Karin Lauritzen geb. Johler ca. 1982 nach
erneutem Lesen des Buches Dammbau von Margarete Boie:
Der "Sylter Roman der Gegenwart" dürfte inzwischen ja der Vergangenheit
angehören und doch ist er heute interessanter denn je zuvor. All die
Fragen, die in den zwanziger Jahren aufgeworfen wurden, sieht der Leser
nun schon beantwortet. Man mag zu dem alten Sylt stehen, wie man will -
sicher ist manches Kulturgut schon in Vergessenheit geraten, dieser
Brauch und jene Sitte, aber ich glaube, es ist nicht einer mehr da, der
wirklich die Zeit zurückdrehen möchte, wenn er auch vielleicht noch von
alten Zeiten schwärmt. Zuviel an Erleichterungen, an Fortschritt, an
finanziellem Wohlstand und Anschluss an die übrige Welt machen das
Leben so viel bunter und angenehmer. Aber der große Umbruch damals, das
unbekannte Neue ließ die Sylter so hart und unduldsam werden, daß sie
keinen Platz für Toleranz in ihren Herzen hatten. Obwohl er gehen
musste, hatte wohl niemand mehr verzeihendes Verständnis als Pastor Boy
Eschels (Pastor Hans Johler) selber.