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"Ich hasse Hitler - jetzt. Als Kind stand ich ihm
als Person und Politiker eher gleichgültig gegenüber. Die
Auswirkungen seiner ersten Regierungsjahre auf mein Leben in
Morsum und die Veränderungen im Dorf habe ich damals jedoch
zunächst positiv wahrgenommen. Das lag sicherlich an meinem
jugendlichen Alter und an der Abgeschiedenheit meines Lebens." Emma
Scholz 2002, aufgewachsen in Morsum.
Die vollständigen Erinnerungen von Emma Scholz
als PDF
"Ich
bin aus Idealismus in die Partei eingetreten und erhoffte von
ihr die Lösung der Wirtschaftskrise in Deutschland, insbesondere
die Sicherung des Bauernstandes und die Brechung der Macht des
Kapitals." Andreas Lauritzen, Bauer in Morsum, 5.6.1947
Landesarchiv
Harald Voigt schreibt dazu (S.49), "dass die wirtschaftliche
Situation der Insel Sylt [1927 - 1933] auf allen Gebieten und für
alle Bevölkerungskreise katastrophal war. Damit war die Endphase
der Weimarer Republik - wie der Soziologe Rudolf Heberle
feststellte - `nicht nur eine wesentliche Bedingung für das
Entstehen, sondern auch für den Erfolg der nationalsozialistischen
Bewegung` gegeben."
In Morsum gibt es 1932 ähnlich wie in anderen Sylter Orten 3
NSDAP-Veranstaltungen zur Wählerwerbung. Zusätzlich gibt es
"Deutsche Abende". "Sie bestanden aus einem parteipolitischen
Teil, der von deutschtümelnder Unterhaltung umrahmt war.`" Voigt,
59.
Alle illustrierenden Fotos aus Morsum:

Die erste Ortsgruppe der NSDAP auf Sylt wird am 3. Oktober 1930 in
Westerland gegründet. Am Ende der Saison haben die Sympathisanten,
darunter viele Pensionsinhaber, Kaufleute sowie Inhaber oder
Mitarbeiter der Gastronomie dafür die Zeit dafür gefunden Voigt,
66. Ende 1930 hatte die Ortsgruppe etwa 60 Mitglieder Voigt,
68. Erst Anfang 1932 gelingt der entscheidende Durchbruch,
der Eintritt von 73 neuen Mitgliedern. Zu diesem Zeitpunkt werden
Morsum, Archsum und List als Stützpunkte in die weitere
Parteiarbeit eingeschaltet Voigt, 68.




Hitlers Popularität ist in u.a. in den Versailler Verträgen
begründet, die Deutschland nach dem 1. Weltkrieg territoral und
finanziell stark einschränken. Inflation und Arbeitslosigkeit als
Kriegsfolge werden von vielen Deutschen als nationale Schmach
empfunden. Auf diese Stimmung setzen die Nationalsozialisten. Sie
stellen dem eine Ideologie des Überlegenheitsgefühls entgegen. Der
Glaube an den Nationalsozialismus und an den Führer als "Erlöser"
sollen zur Ersatzreligion werden. Nachdenken ist nicht erwünscht.
Die These von zu vielen Menschen in zu wenig Land ist eine Basis
für den Zweiten Weltkrieg. Das damals zu durchschauen, war nicht
einfach. Wie hätten wir damals gehandelt?


"Einen entscheidenden Platz in der NS-Ideologie nahm die Èrfassung
der Jugend ein. Schneller Aufstieg, Abenteuer, pseudomilitärisches
Gepränge und die Anknüpfung an die Tradition der Jugendbewegung
waren die Faktoren." Voigt, 79.


Wahlkampf in Morsum o.J. Der Radfahrer rechts mit Hitlergruß.
Ergebnis der Reichstagswahl vom 5. März 1933 in Morsum auf
Sylt
Die Reichstagswahl vom 5. März findet nur gut einen Monat
nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler statt.
Reichspräsident Paul von Hindenburg, Namensgeber für den Sylter
Eisenbahndamm, ernennt ihn am 30. Januar 1933. Die
Reichstagswahl am 5. März ist die 8. und letzte halbwegs freie
Wahl, zu der mehr als eine Partei antritt.
In Morsum wird im Gasthof Sylter Hof bis 16 Uhr gewählt. Die
Sylter Zeitung berichtet über die Ergebnisse:
NSDAP 223 Stimmen
SPD 21 Stimmen
Kommunistische Partei 16 Stimmen
Deutsche Zentrumspartei 0 Stimmen
Kampffront Schwarz-Weiß-Rot 9 Stimmen
Deutsche Volkspartei 2 Stimmen
Christlich-Sozialer Volksdienst 2 Stimmen
Deutsche Staatspartei 1 Stimme
Deutsche Bauernpartei 0 Stimmen
Sozialistische Kampfgemeinschaft 0 Stimmen
Von den 274 in Morsum abgegebenen Stimmen haben sich somit 81,4
% für die NSDAP entschieden. Im gesamten Reichsgebiet
erhält die NSDAP 43,9%.
Hier der NSDAP-Stimmenanteil der anderen Sylter
Inselgemeinden:
Archsum 86,3% (73 abgegebene Stimmen)
Keitum 68,7%
Tinnum 59,2%
Westerland 47%
Wennigstedt 72,2%
Kampen 58,5%
List 75,1%
Rantum 45,4%
Insgesamt werden auf Sylt 3589 Stimmen abgegeben.
Bei den einen Sonntag später stattfindenden Kommunal- und
Regionalwahlen (12.3.1933) werden auf der Liste der NSDAP zwei
Sylter, der Schriftleiter Paul Meyer, Westerland, und Landmann
Peter Matzen, Archsum, in den Kreistag des Kreises Südtondern
gewählt. Für die SPD zieht der Westerländer Ökonom Andreas Nielsen
in den Kreistag. Der Bürgermeister Arno Kapp, Westerland, gelangt
auf der Liste Kampffront Schwarz-Weiß-Rot in das
Regionalparlament.
Bei der Wahl zum Provinziallandtag stimmen 83,5% der Morsumer
WählerInnen für die NSDAP.
Auf Gemeindeebene stehen am 12. März 1933 auf Sylt häufig keine
Parteien zur Wahl, sondern Listen, die betonen sollen, dass in so
kleinen Gemeinwesen jeder jeden kennt und die Persönlichkeit der
Kandidaten wichtiger ist als seine Parteizugehörigkeit, wenn es
denn eine gibt. "Nur in Westerland, Keitum und List fand die NSDAP
Mitglieder, die die bereit waren, sich unter parteipolitischer
Firmierung den Wählern zu stellen. In allen übrigen Gemeinden der
der Insel mussten sich die Nationalsozialisten bemühen, ihre
Kandidaten - mehr oder minder versteckt - in scheinbar
parteipolitisch neutralen Listenverbindungen unterzubringen, um
auf diesem Umweg den Einstieg in die Gemeindevertretungen zu
schaffen." Voigt, 85 In Morsum gehört dazu die Liste
Lorentzen.
Das Wahlergebnis der Gemeindewahl in Morsum am 12. März
1933:
Wahlvorschlag "Lorentzen" 209 Stimmen = 8 Sitze
Kommunistische Partei 42 Stimmen = 1 Sitz
Gewählt wurden auf der Liste Lorentzen
Karl Lorentzen
Andreas Lauritzen, seit 1.3.1933 NSDAP-Mitglied,
Mitgliedschaft der anderen Gemeidevertreter nicht ermittelt.
Thomas Petersen
Peter Bremer
Erasmus Matzen
Lorenz Jens Petersen
Detlef Schröder
Bernhard Thießen
Cornelius Hansen
Für die Kommunistische Partei Deutschlands:
Ernst Hinz
Hierzu schreibt die Sylter Zeitung: "Morsum, den 12. März.
In den Gemeindewahlen haben wir eine Überraschung erlebt. Es ist
im Grunde doch recht traurig um unser Deutschtum bestellt, wenn in
solchen Gemeinden in denen man sich freute über eine Einheitsliste
zu den Wahlen, nun zuletzt doch eine solche Uneinigkeit zutage
kommt, die lieber wesensfremden Kommunisten ihre Stimme gibt, als
altbekannten und bewährten Dorfbewohnern. Dank dieser Uneinigkeit
ist in unserer Gemeindevertretung zum ersten Male ein Kommunist
gewählt."
Der kurze Kommentar vom 12. März zum Wahlausgang in Morsum ist
nicht namentlich gekennzeichnet. Autor könnte Andreas Lauritzen
sein. Der Autor spricht von "unserer Gemeindevertretung", müsste
also Morsumer sein. Andreas Lauritzen hat nach eigenen Angaben
seit 1925 für die Sylter Zeitung Artikel verfasst.
"Selbst als die KPD schon längst von der politischen Bühne
abgedrängt war und am 12. November 1933 die Reihe der
NS-Plebiszite eröffnet wurde, appellierte ein Zeitungsartikel an
die Morsumer, `die Schmach der 42 Stimmen für den
Kommunistenhäuptling durch die 100 Prozent Ja für den Führer`zu
tilgen."Das Ergebnis des Plebiszits in Morsum: 301 Stimmen für die
NSDAP, 32 Ungültige. Voigt, 88, 154.

Morsum, ca. 1933/34. In der linken Reihe sitzen
von vorn Peter Matzen, Heinje Thevagt, ?, Detlef Schmidt, Bäcker
Ladend und Karl Fink, an der Stirnseite des Tisches Erich Cornehl.
Die rechte Seite ist besetzt (vorn beginnend) mit Andreas Hansen,
Otto Lorenzen, Andreas Lauritzen, Peter Matzen, Cornelius Hansen,
Karl Kruse, Reichsarbeitsdienstführer Ohrt, Magge Petersen, Jenner
Simonsen und Karl Fink. Scholz, S. 289

Morsum, ca. 1933. Andreas Lauritzen (r.) begrüßt
Parteigenossen auf dem Morsumer Bahnhof.
Die Entwicklung nach dem Untergang des 3. Reichs
Als die Engländer 1945 die Insel Sylt besetzen, verbrennt Andreas
Lauritzen hektisch seine NS-Uniformen und Unterlagen. Andere
Sylter möglicherweise auch.
Die Amerikaner legen nach Kriegsende zunächst folgende
Bestimmungen für die Entnazifizierung fest:
"Alle Mitglieder der Nazipartei, die nicht nur nominell
in der Partei tätig waren, alle, die den Nazismus oder
Militarismus aktiv unterstützt haben, und alle anderen Personen,
die den alliierten Zielen feindlich gegenüberstehen, sollen
entfernt und ausgeschlossen werden aus öffentlichen Ämtern und aus
wichtigen Stellungen in halbamtlichen und privaten
Unternehmungen... Als Personen, die nicht nur nominell in der
Partei tätig waren und die den Nazismus oder Militarismus aktiv
unterstützt haben, sind diejenigen zu behandeln, die (1) ein Amt
innehatten oder anderweitig auf irgendeiner Stufe von der
örtlichen bis zu den Reichsstellen der Partei und ihren
Gliederungen aktiv gewesen sind oder in Organisationen, die
militaristische Lehren unterstützen, (2) irgendwelche
Naziverbrechen, rassische Verfolgungen oder Diskriminierungen
veranlasst oder an ihnen teilgenommen haben, (3) sich als Anhänger
des Nazismus oder rassischer und militaristischer Überzeugungen
bekannt haben, oder (4) der Nazipartei oder Nazifunktionären oder
Naziführern freiwillig beträchtliche moralische oder materielle
Hilfe oder politische Unterstützung irgendwelcher Art geleistet
haben."(Direktive an den Oberbefehlshaber der US-Besatzungstruppen
in Deutschland(JCS 1067), April 1945). Taylor, S. 325f.
"Um die Schuldigen herauszufinden, solllte jeder Deutsche einen
Fragebogen ausfüllen, in dem er eine Vielzahl von Fragen über sein
Leben, seine politische Zugehörigkeit und Tätigkeit wahrheitsgemäß
zu beantworten hatte." Taylor S. 326
"Es gab fünf Stufen: V. Entlastete, IV. Mitläufer, III.
Minderbelastete, II. Belastete, I. Hauptschuldige." Taylor S.
333
In der britischen Besatzungszone, in der auch Sylt lag, ging man
ähnlich vor wie in der amerikanischen. Allerdings mussten nur
diejenigen einen Fragebogen ausfüllen, die "im öffentlichen Dienst
und in Staatsunternehmen beschäftigt waren oder Beschäftigung
suchten." (Taylor S. 379f.) "Als Ergebnis verloren rund 200 000
Nationalsozialisten entweder ihre Stellung oder wurden nicht
eingestellt." (Taylor, S. 389) "Zahllose glühende
Nationalsozialisten begriffen, dass sie am wenigsten auffielen,
wenn sie irgendwo als Büroangestellte arbeiteten und abwarteten,
bis sich die Aufregung legte." Taylor, S. 388
Der Morsumer Lehrer Karl Kruse (*25.5.1890
+26.3.1966) wird im September 1945 von den englischen
Besatzungstruppen verhaftet und ein Dreivierteljahr in
Neuengamme/Hamburg interniert, einem ehemaligen KZ. Scholz, S.
280 ff Die Internierung ist neben Verdachtsmomenten wohl
auch seiner Funktion im Öffentlichen Dienst zuzuschreiben, denn in
der britischen Besatzungszone mussten nur diejenigen einen
Fragebogen ausfüllen, die "im öffentlichen Dienst und in
Staatsunternehmen beschäftigt waren oder Beschäftigung suchten." Taylor
S. 379 f.
"Die Internierungslager, in denen viele von ihnen bis zur
Bearbeitung ihrer Fälle einsaßen, waren wahrhaft grauenhafte Orte.
Sie waren häufig überfüllt und unhygienisch, und die
Verpflegungsrationen der Insassen sank auf 900 Kalorien am Tag." Taylor,
S. 381
Karl Kruse kann nach seiner Entnazifizierung die Arbeit als Lehrer
und Schulleiter der Morsumer Volksschule wieder aufnehmen.
Scholz, S. 280 ff
Der Landwirt Andreas Lauritzen tritt am 1.3.1933
in die NSDAP ein (NSDAP-Gaukarte), ein Monat nach der Ernennung
Hitlers zum Reichskanzler und wenige Tage vor der letzten
Reichstagswahl mit großen Stimmengewinnen der Nationalsozialisten.
Als Motiv nennt er in einer Einlassung an den Deutschen
Entnazifizierungsausschuss in Niebüll: "Ich bin aus Idealismus in
die Partei eingetreten und erhoffte von ihr die Lösung der
Wirtschaftskrise in Deutschland, insbesondere die Sicherung des
Bauernstandes und die Brechung der Macht des Kapitals."(Alle
Zitate Landesarchiv, wenn nicht anders angegeben) In der
Partei bekleidet er bis 1934 auch die Funktion des örtlichen
Propagandaleiters. Nach Lauritzens Darstellung führt er diese
Funktion nur dem Namen nach aus. Er habe mehrfach an den
Ortsgruppenleiter den Antrag auf Entbindung von dem Amt
gestellt.Er sei nie in irgendeiner Weise als Propagandaleiter in
Erscheinung getreten. Als höchste Position in der NSDAP gibt er
die Position des Amtsleiters an.
Als Ortsbauernführer ist Andreas Lauritzen seit 1933 tätig, seit
1940 als Bezirksbauernführer und seit 1943 auch als
Kreisbeauftragter für Berufserziehung Nachwuchsgewinnung in der
Kreisbauernschaft Südtondern, wo er zusammen mit der
Landwirtschaftsschule und der Mädchenabteilung in den
Bezirksbauernschaften die Werbung für die männlichen und
weiblichen landwirtschaftlichen Berufe durchgeführt, auch auf
Bauernabenden. Alles erfolgte lt. Andreas Lauritzen im Auftrag der
Kreisbauernschaft. Ziel war die "Ernährungssicherung".
Außerdem ist Andreas Lauritzen nach Aktenlage des
Entnazifizierungsausschussses von Mai 1933 bis 1935 Mitglied in
der SA. Im Reichsbund Deutscher Beamter ist er Mitglied von 1938 -
1945, im Reichsluftschutzbund 1942 - 1945. Auch im Volksbund für
das Deutschtum im Ausland (VDA) besteht eine Mitgliedschaft bis
1945.
Von 1935 bis 1945 ist Andreas Lauritzen einfaches Mitglied im NSV
(Nationalsozialistische Volkswohlfahrt). "Zwar gelang der NSV
trotz des Verbotes der Arbeiterwohlfahrt nicht die Monopolisierung
der gesamten freien Wohlfahrt, jedoch wurden ursprünglich führende
Verbände wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK), die evangelische
Diakonie oder die katholischeCaritas zurückgedrängt. Die Struktur
der NSV glich dem Aufbau der NSDAP mit Orts-, Kreis- und
Gruppenverwaltungen." Wikipedia 2015
Von 1938 bis 1945 ist Andreas Lauritzen auch einfaches Mitglied im
Reichsbund Deutsche Familie sowie von 1934 bis 1937 im
NS-Reichsbund für Leibesübungen.
Seit dem 20.3.1944 bis zur Kapitulation beschäftigt Andreas
Lauritzen auf seinem Hof einen russischen Zivilarbeiter mit dessen
Tochter. "Beschwerden über die Behandlung sind nicht gewesen. Im
Gegenteil, sie haben sich bei mir sehr wohl gefühlt und der Mann
ist, nachdem sie bereits im Sammellager waren, zu Fuß von Tinnum
(7km) auf meinen Betrieb gekommen und hat bei mir gearbeitet. Er
brachte auch noch leere Konservendosen für meine Frau und
Cigaretten für mich mit." Landesarchiv. - Über die
Bezahlung, Lebens- und Arbeitsbedingungen der beiden ist nichts
weiteres überliefert.
In einem Brief aus dem Jahre 1976 schreibt Andreas Lauritzen:"Mein
Russe, den ich von 1943 -45 hatte, hielt nichts von den
Kommunisten, die ihm seinen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb
genommen und in eine Kolchose überführt hatten. Er sagte immer:
Stalin nicht gut, Hitler nicht gut, Hindenburg gut. Er war
schon im 1. Weltkrieg Soldat geworden und und in deutscher
Gefangenschaft gewesen. So radebrechte er noch etwas deutsch."
Wikipedia: "Zivilarbeiter waren nach
nationalsozialistischem Sprachgebrauch junge männliche und
weibliche Arbeitskräfte, häufig noch Jugendliche, aus den von
deutschen Truppen während des Zweiten Weltkriegs besetzten
Ländern, die in ihrer Heimat weitgehend unter Druck oder falschen
Versprechungen angeworben wurden und in Deutschland rechtlos und
überwiegend unter menschenunwürdigen Bedingungen als
Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, um die deutsche Kriegswirtschaft
aufrechtzuerhalten."
Vor 1933 ist Andreas Lauritzen Mitglied der Deutschen Volkspartei,
einer nationalliberalen Partei der Weimarer Republik. Ihr gehört
auch der Außenminister Gustav Stresemann an. Landesarchiv,
Wikipedia 2015
1. Entnazifizierungsentscheidung
Das German Denazification Panel in Niebüll kategorisiert Andreas
Lauritzen daraufhin ohne persönliche Befragung am 30.7.1947 in die
Stufe III, Minderbelastete. Damit ist der "Ausschluss von allen
öffentlichen und privaten Stellungen leitenden oder
aufsichtsführenden Charakters oder von einer Tätigkeit , welche
die Anstellung von Personal in einem öffentlichen oder
Geschäftsunternehmen mit sich bringt", verbunden. "Eine Entfernung
aus seiner Stellung als Landwirt auf Grund der bestehenden
Bestimmungen nicht möglich."
In einem Schreiben vom 10. August 1947 an den
Entnazifizierungsausschuss in Niebüll wird Andreas Lauritzen von
einer Tinnumerin vorgeworfen, er habe sich in seiner Eigenschaft
als Bezirksbauernführer gegen eine Befreiung ihres Ehemanns, eines
Bauern, vom Wehrdienst ausgesprochen. Andere Bauern habe er
dagegen vor der Einberufung bewahrt. Sie führt das darauf zurück,
dass ihr Mann nicht in die Partei eingetreten ist und gegen den
Nationalsozialismus eingestellt war. Lauritzen selbst sei wegen
seiner Funktion als Kreisbauernführer nicht eingezogen worden.
Weiter wird behauptet, Lauritzen wolle mit Gesinnungsgenossen eine
Deckstation mit Hengsten einrichten, die die Tinnumerin finanziell
sehr schädigen würde. Sie betreibt bisher die einzige Deckstation
der Insel. Ihr Vorwurf: Lauritzen will sein Geld vor einer
Währungsreform "schnell noch in wertvollen Zuchttieren anlegen".
Landesarchiv
2. Entnazifizierungsentscheidung
Am 20.12.1947 bestätigt der Entnazifizierungsausschuss seine
Einstufung in die Stufe III. "Seinen (Lauritzens) Angaben, daß er
sich als Propagandaleiter nicht betätigt hat, kann nicht geglaubt
werden. Seine Presseberichte für die "Sylter Nachrichten" können
nicht mehr nachgeprüft werden, aber es ist anzunehmen, daß sie
nazistisch gefärbt waren"..."Der Prüfungsausschuß legt Wert
darauf, daß dem L. eine Hengsthaltung nicht gestattet wird". Der
Vorwurf, Andreas Lauritzen habe " seinen Landbesitz in Morsum bei
der Landumlegung 1936 - 1938 erheblich verbessert", wird auf der
Basis von 2 Zeugenausagen nicht bestätigt und als "üble Nachrede"
zurückgewiesen. Landesarchiv.
3. Entnazifizierungsentscheidung
Gegen die Entscheidung des Entnazifizierungsausschusses, von der
Andreas Lauritzen durch Dritte schon im Oktober 1947 hört , erhebt
er unverzüglich Einspruch, da er "politisch nicht tätig gewesen"
sei. Die Entscheidung vom 20.8.1948 stuft ihn in die günstigere
Kategorie IV ein. Er muss die Kosten des Verfahrens in Höhe von
500 Mark sowie einen Beitrag von 500 Mark zugunsten des
Wiederaufbaufonds leisten. Begründung:"Zugehörigkeit zur NSDAP von
1933, zur SA von 1933 - 35, insbesondere aber seine Betätigung als
Propagandaleiter beweisen, dass er sich inhaltlich hinter die
Ziele der NSDAP stellte. Auch als Bezirksbauernführer u.
Kreisbeauftragter für die Berufserziehung hat L. der Partei
positiven Beistand geleistet. Unter Anlegung eines milderen
Maßstabes musste zumindest als Mitläufer erkannt werden." Landesarchiv
4. Entnazifizierungsentscheidung
Am 16. Mai 1949 entscheidet der Entnazifizierungs-Hauptausschuss
in Niebüll in öfffentlicher Sitzung, dass Andreas Lauritzen,
Morsum, in die Kategorie V (Entlastete) umgruppiert wird. Er hat
nunmehr lediglich noch 50 DM Verfahrenskosten und 50 DM Beitrag
zum Wiederaufbaufonds zu zahlen.
Der Betroffene erklärt zuvor: Als Propagandaamtsleiter habe ich
kein Wort auf den Versammlungen gesprochen. Schon seit 1925 habe
ich für die "Sylter Nachrichen" geschrieben. Es kann mir niemand
nachsagen, dass ich nicht in jeder Sache tolerant war."
'
Der Entnazifizierungsausschuss begründet seine Entscheidung wie
folgt: "Als Propagandaleiter sei er überhaupt niemals
hervorgetreten, an Versammlungen habe er kein Wort gesprochen.
Auch sonst habe er sich in keiner Weise für die Ziele des
Nationalsozialismus aktiv eingesetzt. Die Funktion des
Bezirksbauernführers und des Kreisamtsleiters für die
Berufserziehung habe er lediglich während des Krieges einige Zeit
übernehmen müssen, weil die mit dieser Aufgabe Betrauten zur
Wehrmacht einberufen wurden." Die folgende juristische Bewertung
lautet wie folgt:"Der Ausschuss kam zu der Überzeugung, dass die
von dem Betroffenen vorgebrachten Argumente keine hinreichende
Entlastung im Sinne des §6 des Gesetzes vom 10.2.48 darstellen,
und stufte den Betroffenen gemäß §5 des Gesetzes vom 10.2.48 in
die Kategorie IV ein. Da Sanktionen im Sinne des §12 vorliegen,
wurde seine Umstufung in die Kat. V nach Rechtskraft dieser
Entscheidung beschlossen." Damit ist Andreas Lauritzens Weste
wieder weiß.
In den 1960er Jahren arbeitet er als Führungskraft in der
Meiereigenossenschaft Tinnum und ist letzter ehrenamtlicher
Bürgermeister der Gemeinde Morsum. Auch als ehrenamtlicher Richter
am Landessozialgericht in Schleswig ist er tätig.
Emma Scholz geb. Kruse, *1924
Meine Hitler- und Nachkriegszeit in Morsum -
Erlebnisse und Erfahrungen protokolliert von
Ekkehard Lauritzen 2002
Ich hasse Hitler - jetzt. Als Kind stand ich ihm als Person und
Politiker eher gleichgültig gegenüber. Die Auswirkungen seiner
ersten Regierungsjahre auf mein Leben in Morsum und die
Veränderungen im Dorf habe ich damals jedoch zunächst positiv
wahrgenommen. Das lag sicherlich an meinem jugendlichen Alter und
an der Abgeschiedenheit meines Lebens, die eine Relativierung
meiner Erfahrungen anders als vielleicht in Städten sehr
erschwerte.
Lehrer Kruse streicht den Religionsunterricht vom Stundenplan
Zwischen Pastor Dr. Glöckner, dem Nachfolger von Pastor Johler,
und der Morsumer Gemeinde gab es Spannungen. Sie beruhten u.a. auf
einer gewissen Bildungsarroganz des Pastors. Er fühlte sich
gegenüber den Dorfbewohnern intellektuell überlegen und zeigte das
auch. Das gehörte sich nicht. Dazu trug aber auch z.B. die
Weigerung bei, bestimmte Verstorbene nicht zu beerdigen, weil
deren politische Einstellungen ihm nicht mit dem Christentum in
Einklang zu stehen schienen.
Auch gegenüber seinem Organisten, meinem Vater, dem Dorflehrer
Kruse, gab es Auffassungsunterschiede, die darin gipfelten, dass
Dr. Glöckner in einer Predigt behauptete, Organist Kruse sei ein
Deutschgläubiger und Heide. Kruse stand daraufhin während des
Gottesdienstes geräuschvoll auf und ging, trat später aus Protest
sogar aus der Kirche aus. Ich empfand es als ungehörig, so etwas
von der Kanzel zu verkünden anstatt das persönliche Gespräch mit
meinem Vater zu suchen. Dafür wurde Dr. Glöckner dann auch
dienstrechtlich belangt.
Hintergrund des Streits war die Streichung des
Religionsunterrichts an der Morsumer Schule. Dazu war mein Vater
allerdings im Dritten Reich gezwungen. Auch Kirchenälteste wandten
sich deshalb von Lehrer Kruse ab und versuchten, durch
Unterschriftenlisten seine Entlassung bzw. Versetzung zu
erreichen. Vergeblich. Allerdings musste Pastor Glöckner gehen.
Das Mobbing gegen meinen Vater entwickelte sich weiter. Einmal kam
Pastor Wester, bekennende Kirche, mit einigen Theologiestudenten
nach Morsum, um den Gottesdienst zu gestalten. Auf dem Weg vom
Bahnhof zur Kirche kam die Gruppe am Sylter Hof vorbei. Dort
stießen sie auf meinen Vater, der einen Grog trank. Der Wirt, mein
Onkel, hatte meinem Vater einen ausgegeben. Auch meinen Vater zog
es zum Gottesdienst, in dem er wie gewöhnlich mit seiner lauten
Stimme mitsang. Nach dem Gottesdienst raunzte ihn ein
aufgebrachter Student an, er werde meinen Vater sofort absetzen
lassen und künftig selbst als Lehrer fungieren. Immerhin sei er
besoffen in der Kirche gewesen. Das hat mich als Kind sehr
aufgeregt. Ich stand natürlich auf der Seite meines Vaters und
lief zu Peter Matzen genannt Peter Wall, dem Bürgermeister, und
erzählte ihm alles. Der beruhigte mich und erklärte mir, dass der
Student dazu gar keine Möglichkeit habe.
Ein Hemmnis für mein selbstständiges Urteilen war natürlich, dass
ich als Kind zunächst hinter meinem Vater stand, wenn dieser
angegriffen wurde, dafür dass er bestimmte Dinge in seiner
Lehrerrolle einfach tun musste. Mit 15 trat ich wegen der
Spannungen mit der Kirche auch aus der Kirche aus. Das wurde im
Dorf mit Argwohn beobachtet. Auch meine Mutter als Morsumerin war
damit nicht einverstanden. Das gehörte sich nicht. Sie war
totunglücklich. - Nach dem Krieg rief mich meine Mutter einmal ins
Wohnzimmer. Pastor Ingwers war auch da. Sie sagte mir, ich solle
das mal unterschreiben. Ich tat es folgsam wie ich immer noch war,
ohne es zu lesen und merkte danach, dass ich wieder in die Kirche
eingetreten war. Ich fühlte mich überfahren, aber meine Mutter war
glücklich. Also blieb ich in der Kirche.
Not und Armut
Als ich acht Jahre alt war, hatte wir oft Mittagsgäste,
Arbeitslose vom Festland. Die hatten, wie ich später erfuhr,
Zinken an unser Haus gemalt, die besagten, dass man bei uns essen
könne. Sie kamen und fragten nach Mittag, sowie mein Vater mit der
Schule fertig war. Diese Arbeitslosen mit ihren verhärmten
Gesichtern hatten damals wirklich gar nichts. Ihr Schicksal hat
mich stark berührt. Geschlafen haben sie oft bei Peter Matzen Wall
in der Scheune, wo sich ebenfalls entsprechende Zinken am Haus
befanden. Der hatte dabei immer ein wenig Angst - wegen der
Feuergefahr. Auch viele Dorfbewohner hatten wenig Geld. Manchmal
konnten Kinder nicht zum Kinderfest gehen, weil die Eltern für sie
kein Kleid hatten. Uns ging es da etwas besser, obwohl Lehrer
damals auch nicht viel verdienten.
Als ich neun Jahre alt war, wurde Hitler zum Reichskanzler
gewählt. Ich bekam mit, wie meine Mutter sich mit einer Freundin
darüber unterhielt und fragte sie, wie das Wahlergebnis
einzuschätzen sei: "Mama, ist das gut oder schlecht?"" Das ist
gut, nun gibt es keine Arbeitslosen mehr." Das leuchtete mir ein.
Auch mein Vater war zufrieden und hoffnungsfroh. Er war zu der
Zeit noch Idealist.
Der empfundene Aufbruch
Ich selbst erlebte eine Zeit der Freude. Es wurden verschiedene
Gruppen gebildet. Die Männer machten was mit Motorrädern, man
trieb zusammen Sport. Die Frauen aus Morsum trafen sich in der
Schule. Dort standen zwei Nähmaschinen für den
Handarbeitsunterricht. Es wurde damit alte Kleidung repariert, die
man an Bedürftige weitergab.
Ich wurde später Gruppenleiterin für die Jungmädel und sollte
Vorträge mithilfe von zugeschicktem Material halten, fühlte mich
damit jedoch überfordert. Deshalb habe ich lieber Turnstunden
gegeben. Das machte allen Spaß. Als ich noch nicht ganz zehn war,
musste ich zunächst zu Anja Schnoor in die Kückengruppe. Da war
ich natürlich der Leuchtturm [blondes Haar, langer Zopf] und
wartete sehnsüchtig darauf, endlich mit zehn Jahren Jungmädel zu
werden. Als es soweit war, war ich ganz stolz. Natürlich denkt man
nicht an Hitler als Kind, sondern an die Gruppe, zu der man auch
gehören wollte. Dieser Zusammenhalt, dieses dazu gehören war für
mich als Kind ganz wichtig.

Annegret Schnoor (Foto), über die Emma Scholz schreibt, sie
sei ihre Kükengruppenmutter gewesen, bevor sie mit 10 Jahren in
die Jungmädelschaft durfte. Scholz, S. 154
Ich erinnere mich an ein Ereignis, als ich mit elf Jungmädel war.
Es war gerade Staatsjugendtag. Das bedeutete schulfrei. Wer findet
das als Schülerin nicht schön. Anja hatte für uns an dem Tag einen
Ausflug nach Rantum geplant. Wir gingen zu Fuß dorthin, machten in
den Dünen Feuer und kochten Reis mit Backpflaumen. Ein schönes
Erlebnis. Wir sangen und aßen zusammen. Währenddessen kamen vier
Frauen auf uns zu. Sie sahen uns in unserer Kluft (weiße Bluse,
Halstuch usw.) und sagten, seien aus dem Saarland, das seit kurzem
wieder zu Deutschland gehörte. Sie hätten eine
Hitler-Freiplatzspende bekommen und freuten sich über alles. Die
Freiplatzspende kannten wir. Mütter sollten sich erholen können.
Dafür wurden andere Familien gesucht, bei denen sie ohne Bezahlung
einige Zeit Urlaub machen konnten. Das musste man sozusagen
freiwillig machen. Die Frauen gesellten sich zu uns, aßen ein
wenig mit und als sie gingen, sangen wir Deutsch ist die Saar. Die
Frauen waren glücklich, wir auch, die Gefühle bordeten über bei
mir.
Damals hatte ich – nicht zuletzt wegen meines Alters – keine
Möglichkeiten, aufgrund dieser beschränkten Wahrnehmung kritische
Gedanken entwickeln. Das kam erst etwa zehn Jahre später. Als mir
klar wurde, wie Hitler uns benutzt und missbraucht hat, bekam ich
eine unbändige Wut auf ihn. Ich hatte ihn vorher auch nicht
geliebt oder verehrt, sondern nur als Führer wahr- und
hingenommen.
Wir mussten zum Beispiel im Dorf Altmetall sammeln. Alle hatten
ein Gebiet, in dem sie mit dem Blockwagen von Haus zu Haus zogen.
Wir sammelten, ohne zu wissen, dass es der Kriegsvorbereitung
diente. Eine
andere Sammlung war die Pfund-Spende: ein Pfund Haferflocken und
so weiter. Wir kamen uns damals wichtig vor, fühlten uns
mitverantwortlich für das große Deutschland. Wir mussten auch
ständig was verkaufen: Kerzenständer und anderes oder nur so Geld
sammeln. Nur der Lehrer und der Pastor gaben 50 Pfennige.
Zum 1. Mai wurde Bescheid gesagt, dass wir uns bei Abeling in
Archsum zu einem Umzug mit Pferd und Wagen versammeln. Jeder Wagen
sollte etwas darstellen, zum Beispiel ein Handwerk. Toni und ich
kriegten den Wagen von Henningsen geliehen. Wir haben ihn geputzt
und geschmückt, soweit es bei den beschränkten Möglichkeiten ging.
In Archsum bestiegen auch andere Jungmädel den Wagen. Es gab noch
mehr kutschen, zum Beispiel vom BDM. Vorn zog die Musik. Wir
Mädchen waren nicht etwa missmutig, sondern wir lachten und hatten
Spaß. Es war eben etwas los. Wir zogen zunächst nach Wall, dann
nach Osterende, Kleinmorsum bis zum Gasthaus Morsum Kliff. Hier
hatte die Partei auch ihren Sitz, es war Parteilokal. Wirt war
damals John Lorenzen. Im Saal warteten wir dann auf die Rede
Hitlers aus dem Volksempfänger. Kunje Boysen hat den Sender
richtig eingestellt, was bei den schlechten Empfangsmöglichkeiten
nicht immer ganz leicht war. Der Saal war überfüllt. Paul Kayser,
der Ortsgruppenleiter, und mein Vater grüßten mit Heil Hitler.
Eine Ansprache wurde gehalten, auf Deutsch, nicht auf Friesisch.
Ich habe die anschließende Hitlerrede nicht verfolgen können.
Meine Gedanken sind einfach abgedriftet. So ging es mir auch mit
Hitlers Buch Mein Kampf. Ich habe es wie so viele andere nie
gelesen. Wir hatten auch zu Hause einen Volksempfänger. Die Radios
wurden subventioniert, damit der Propagandafluss möglichst viele
Menschen erreichte.

Die Morsumer BDM-Gruppe feiert 1933 den Tag der Arbeit. (BDM =
Bund deutscher Mädchen). Freizeitangebote sind begrenzt.
Reizvolle Veranstaltungen wie diese locken viele Mädchen an. Der
Tag der Arbeit ist von den Nationalsozialisten ab 1933 zum
gesetzlichen Feiertag erklärt worden. Für ehrenamtliche
Parteimitarbeiter gibt es Uniformen und Orden. Sie vermitteln
ihren Trägern das Gefühl, einen Beitrag zur
Leistungsgesellschaft zu erbringen. Damit reihen sie sich in die
von Hitler proklamierte Volksgemeinschaft ein. Das war die
Grundlage der Ausgrenzungsgemeinschaft gegen Juden und andere
Randgruppen wie z.B. Behinderte und Andersdenkende. vgl. Wildt
2019 Vielen Deutschen wurde das jedoch nicht bewußt.

Themenwagen beim Umzug am 1. Mai 1933 in Morsum.
Kriegsbeginn
Als der Krieg ausbrach, war unser Entsetzen groß. Viele Morsumer
hatten Söhne, die eingezogen wurden. Nach 18 Tagen Krieg ist der
erste Morsumer gefallen: Herbert Bossen ein Bruder der späteren
Betreiberin der fränkischen Weinstube, starb in Polen. So jung.
Dass er nicht wiederkommt, begreift man nicht richtig. Nur die
Kriegsfrauen, die den Ersten Weltkrieg erlebt hatten, haben es
sofort verstanden. – Herbert Bossen [*5.3.1915 +9.9.1939] wurde in
der Nacht in Morsum geweckt, eingezogen und sofort an die Front
geschickt. Seine Ahnung damals: wenn das ein Krieg wird, müssen
wir den sehr sehr teuer bezahlen. Recht hat er ja gehabt. Die
Arbeitskraft der Soldaten fehlte zu Hause. Das schaffte große
Probleme. Gelegentlich halfen Leute vom Reichsarbeitsdienst, die
ab 1936 in Morsum in sechs Baracken auf dem Gelände des heutigen
Campingplatzes wohnten. Vorrangig wurde der RAD aber zur
Landgewinnung eingesetzt. Auch Nachbarschaftshilfe forderte man
staatlich ein. Geholfen wurde, um gut dazustehen. Tante Emma
sollte zum Beispiel ihr Reetdach gedeckt kriegen. Es fehlte aber
der Bennentacker, der von drinnen die Nadel zurücksticht. Dafür
kriegte sie einen Marinesoldaten als Helfer gestellt.
Gegen Kriegsende war ich zeitweise dienstverpflichtet in einer
Munitionsfabrik in Lübeck-Schlutup. Wir arbeiteten zusammen mit
Zwangsarbeiterinnen. Ich war im Laderaum für Infanterie-Patronen
eingesetzt. Die Russinnen neben mir füllten die Patronen mit
Pulver, wir überwachten die richtige Pulvermenge. Diese Frauen,
etwa genauso alt wie wir, waren blass und ausgemergelt. Es bestand
Kontaktverbot zwischen uns. Eine mit Namen Katharina legte mir
einen Zettel hin auf dem stand: Wie lange heute Arbeit? Ich war
ganz perplex über ihre Deutschkenntnisse und fragte sie danach.
Unsere Sprache hatte sie in der Schule gelernt. Immerhin kamen wir
ins Gespräch. Sie war aus Leningrad. Ich habe sie nicht
wiedergesehen. Möglicherweise ist sie nach dem Krieg mit einem der
Schiffe, die diese Menschen zurückbringen sollten, von Stalins
Schergen versenkt worden. Stalin wollte diese Menschen nicht
wieder zurück haben.
Nachkriegszeit
Als die Engländer nach Sylt kamen, war unsere Aufregung groß. Sind
sie schon da? Nein. Auf einmal waren sie da. Man hörte sie schon
von weitem. Wir konnten sie von der Schule aus sehen. Sie fuhren
auf dem Terpstich durch Morsum direkt nach Westerland. Es hatte
kurz vorher auf der Insel noch Überlegungen gegeben Sylt zu
verteidigen. Für den Fall hatte man noch Verteidigungsgräben in
der Heide auf Nösse ausgehoben. Ganz Deutschland war bereits
eingenommen und die Sylter stellten sich diese Frage! Aber wir
waren wohl durch das Dritte Reich so geprägt, dass derlei Gedanken
entwickelt wurden. Mir haben die Engländer zunächst Angst gemacht.
Es war der erste Kontakt mit dem ehemaligen Feind. Andererseits
waren wir erleichtert, dass der Krieg vorbei war. Wir sollten alle
eine weiße Fahne raushängen. Natürlich hat auch Lehrer Kruse eine
weiße Fahne gehisst. Das nahmen manche im Dorf mit Genugtuung zur
Kenntnis. Als ich Tage später die englische Fahne vor dem
Westerländer Rathaus sah, war ich erneut beunruhigt. Ich kam mir
vogelfrei vor, obwohl ich es objektiv nicht war.
Paul Kayser und Peter Matzen wurden von den Engländern abgeholt.
Sie kamen nach Neuengamme bei Hamburg. Ich war gerade bei Peter,
als es
passierte. Einer der Soldaten, die wohl auf uns aufpassen sollten,
spielte in der Küche mit einer großen Kaffeemühle, drehte sie,
roch kurz und guckte verächtlich. Wir hatten damals keinen guten
Kaffee. Aber diese Arroganz des jungen Engländers hat mich
geärgert. Mein Vater dachte, nun sei er auch dran. Das geschah
aber erst ein halbes Jahr später. Meine Mutter musste aus dem
Schulhaus raus und mit allen Möbeln zu Tante Emma. Ich durfte
nicht mithelfen, musste arbeiten in Niebüll. Wie meine Mutter das
geschafft hat, weiß ich bis heute nicht. Als mein Vater aus der
Internierung zurückkam, kaufte er zwei Kühe und machte
notgedrungen Landwirtschaft, denn das Lehrergehalt fiel auf
unbestimmte Zeit aus bis er schließlich nach zwei Jahren wieder an
die Schule zurück konnte. Gelegentlich holte er sich zu
landwirtschaftlichen Fragen Rat bei den Bauern, die ihm
bereitwillig halfen. Sie waren trotz der Vergangenheit nicht
gehässig.
Neben den Kühen hatten wir noch ein paar Hühner und ein junges
Schwein. Es stand im alten Schweinestall. Das hielten wir wie so
wie viele andere Morsumer schwarz, denn das Schwein hätte
abgeliefert werden müssen. Als ich eines Tages vom Einkaufen
zurück nach Hause ging, bemerkte ich ein fremdes Fuhrwerk vor
einem Nachbarhof. Ich bekam mit, dass die Viehzählung durchs Dorf
geht. Sofort lief ich nach Hause und berichtete. Helle Aufregung
nicht nur bei uns, denn die Nachricht verbreitete sich in Morsum
wie ein Lauffeuer. Wohin mit dem Schwein? Mein Vater wollte es
angeben, aufrecht wie er war. Meine Mutter, die die Familie
ernähren musste und meine Tante waren dagegen. Schließlich steckte
mein Vater das Schwein in einen Sack und versteckte es darin
hinter dem Haus im hohen Reet. Wir hatten kein Schwein. Wovon
sollten wir es auch füttern, argumentierten wir scheinheilig. So
ging es im ganzen Dorf. Viele hatten so eine Geschichte. Irma
Schröder hatte ihr Schwein im Keller versteckt. Sie saß in der
Küche auf der Bodenklappe, die ein Teppich unter sich begrub und
sponn ganz emsig Wolle. Sie musste viel schaffen an diesem Tag.
Für die Viehzählung hatte sie keine Zeit und schickte die Zähler
gleich weiter in die Stube zu ihrer Mutter. Grete hat nur das
unvermeidliche zugegeben. Bei Helmut Lohse wurden die Schweine auf
dem Boden in einer Kornkiste versteckt. Als die Viehzähler den Hof
verließen, hatten sich die Schweine selbstständig gemacht und
guckten grunzend aus der offene Bodenluke im Giebel den
Viehzählern hinterher. Sie haben es nicht bemerkt.
Nach dem Krieg wurden die Baracken des Arbeitsdienstes als
Entlassungslager für Soldaten genutzt. Der Leiter war ein
22-jähriger Leutnant. Er hatte die Morsumer Mädchen zum Tanzen
eingeladen, um seine Männer zu beschäftigen. Die hatten sich für
diesen Tag ordentlich Mühe gegeben. Die Tische waren mit weißen
Bettlaken als Tischdecken bedeckt, darauf standen Blechdosen als
Vasen mit Blumen aus dem Graben. Musiker spielten, denn es gab
einige Berufsmusiker unter den Soldaten. Die Stimmung war gut und
ich verguckte mich in den Leutnant. Der mochte mich wohl auch. Wir
tanzten wiederholt miteinander. Nach dem Ende der Veranstaltung
brachte der Leutnant mich nach Hause. Es ging auf 22:00 Uhr zu und
die Ausgangssperre würde in Kraft treten. Verstöße wurden mit
Gefängnis geahndet. Wir wollten uns aber noch nicht trennen. So
gingen wir zunächst auf den neben der Schule gelegenen Friedhof,
wo wir uns küssten. Die Unsicherheit blieb, entdeckt zu werden und
wir zogen weiter aufs daneben gelegene Kornfeld, wo die Hocken
pyramidenförmig zum Trocknen aufgestellt waren. Innen hohl boten
sie ein herrliches Versteck, in dem wir die Zeit bis zum Morgen
genossen. Zu Hause vermisste ich meine Handtasche. Ich ging zurück
auf den Friedhof und fand sie auf einem Grabstein liegend. Bald
darauf wurde der Leutnant aus der Wehrmacht entlassen und verließ
die Insel.
Jahrzehnte später während der Olympischen Spiele in Montreal las
ich einen Bericht über den deutschen Medaillensieg im Flying
Dutchman. Zwei Brüder gewannen. Deren Nachname kannte ich. Es war
der meines Leutnants. Ich schrieb ihm nach Friedrichshafen am
Bodensee und gratulierte zu seinen erfolgreichen Kindern. Er
konnte sich noch ganz gut an mich erinnern und während eines
Hamburg-Aufenthalts in seiner Rolle als Segelverbands-Funktionär
trafen wir uns. Die Nacht war zu kurz, um alle unsere Gedanken
auszutauschen.
Die Nordkirche berichtet auf ihrer Internetseite darüber, dass zwischen dem 20.
April 1945 und 4. Mai 1945 im Morsumer Wäldchen drei Deserteure
erschossen wurden.
Im Raum Westerland werden im selben Zeitraum 6 namentlich bekannte
Soldaten hingerichtet.
Kornelia Piwek, geb. Baginska, geboren 15.4.1904,
Polin bzw. Ukrainerin, Landarbeiterin, Einsatzort Morsum, wird am
16. Oktober 1943 tot in das Städtische Krankenhaus eingeliefert,
Todesursache unbekannt. Bei wem hat sie gearbeitet?

Foto: Neuer Friedhof Sylt Westerland
Natalia K., Urenkelin von Kornelia Piwek, ergänzt diese
Informationen im September 2021:"She lived with her husband
Franciszek and their children in the Budki Kudra?skie colony,
Ludwipol municipality, Kostopol district, Volyn province. This is
now Ukraine. According to the old books and census
which I have found, her husband Franciszek was murdered by
Ukrainian nationalists during the massacre of Poles in 1943. From
there, Kornelia and her other children were taken to Sylt. Her son
(my great-grandfather) W?adys?aw was then about 10 years
old. Kornelia worked with him on a farm owned by a man whose
name was "Jendzyn", "Jentzen", "Jenzen" or similar. I don't know
if it was a first or last name. Wladyslaw said that this was a
very good man for him and his family.
I have a photo of my grandfather from that time, unfortunately the
quality isn't good. I also have a photo of his older sister Anna,
who worked on another farm (attached).


...You are right, the farmer could have been
named Jensen. Unfortunately the rest of the facts do not match.
Today I found out that the farmer had children. One of his sons
was an adult at the time and he was a pilot. Maybe these facts
will help determine the exact location of the farm.
Unfortunately, I don't know a lot of
facts. I am looking for information on my own. W?adys?aw
died in 1998 and I haven't had a chance to talk with him. The
only source of information is his wife, who is still alive."

Wladyslaw vor der ehemaligen Flugzeughalle von der
Segelfliegerschule in Wennigstedt. Das Fahrzeug ist ein Mercedes
Benz Typ 320 Cabriolet D und wurde zwischen 1937 und 1942 gebaut.
Wer könnte der Halter dieses Fahrzeugs gewesen sein?
Für Zwangsarbeiter gab es auf Sylt mehrere Lager,
u.a.
-in Westerland das Lager Steinmannstraße
-in Westerland die Baracke Lornsenstraße
-in Rantum das Lager Rantum - Nord
Wie kamen Zwangsarbeiter 1943 nach Deutschland?
Beispiel Tatjana Radiwilowskaja, 94. Die Süddeutsche (1.10.2021)
schreibt: Als die Deutschen Kiew einnahmen, übernahm Bahlsen das
Werk [für Trockenobst, in dem Tatjana arbeitete].Tatjana
Radiwilowskaja ging morgens in die Arbeit und kam abends nicht
mehr nach Hause. Es war der 14. März 1943. Sie wurde mit anderen
Frauen mit dem Bus zum Lwowskaja Platz gefahren. Am nächsten Tag
mussten sie mit der Straßenbahn zum Bahnhof, dort steckten sie die
Besatzer in einen Güterwaggon und schickten sie nach Deutschland
ins Bahlsen-Werk nach Hannover. Nicht einmal Zeit zum Packen hatte
sie....Die lange Fahrt von Kiew nach Niedersachsen musste
Radiwilowskaja auf dem Boden sitzen....In Hannover brachte man sie
in eine Lagerbaracke.... "Es war insgesamt keine schwere Arbeit.
Aber natürlich war es Zwangsarbeit."...Sie durfte in Hannover in
den zwei Jahren nicht in ein Café gehen, auf der Straßenbahn
während der Fahrt war ihr der Zutritt ins Innere verwehrt, sie
musste außen auf der Plattform stehen mit dem weißen "OST"-Zeichen
auf der Jacke, das sie als Zwangsarbeiterin auswies, als
Rechtlose.
Kinderspiele nach der Kapitulation
Die Wehrmacht hatte auf Nösse Panzersperren und Schützengräben
errichtet. Damit wollte man feindliche Soldaten abwehren, die
versuchen über den Hindenburgdamm Sylt zu erobern. Die Engländer
kamen tatsächlich mit Panzern über den Damm, stießen aber auf
keine Gegenwehr. Die Verteidigungsanlagen auf Nösse blieben, die
englischen Soldaten schienen sich dafür nicht zu interessieren.
So eroberten Morsumer Kinder das Gelände. In einem Schützengraben
fanden sie ein Feldtelefon. Ein ca. sechsjähriger Junge hob aus
Neugier den Hörer auf. Es meldete sich eine englische Stimme. Dem
Englischen nicht mächtig, wollte er was sagen. Ihm fiel nur ein
passendes Wort ein:"Iarshol!" Er glaubte das straflos sagen zu
können, da er davon ausging, dass die Engländer kein Sölring
verstehen. Leider wußte der junge Friese nicht, dass dieses Wort
im Englischen sehr ähnlich klingt. "Asshole", so verstand es auch
der Soldat. Die Kinder merkten das und verdrückten sich schnell.
Sie konnten beobachten, dass kurz darauf 3 englische Soldaten
auftauchten und nach den Übeltätern suchten. Sie blieben
unentdeckt.
Noch heute können Bahnreisende die Überbleibsel der
Panzersperre auf Nösse erkennen. Wenn Sie Sylt über den
Damm erreichen, führt der Schienenstrang talähnlich durch den
ausgebaggerten Morsumer Höhenrücken zum Bahnhof Morsum. Am Beginn
dieses Abschnitts sehen Sie in geringer Entfernung von den Gleisen
beidseitig eine Betonmauer quer zu den Schienen. Das ist der Rest
der Panzersperre.
Besetzt wird Sylt von einigen Panzern des des "Inns of Court"
Regiments (RAC) und des 58. Light Antiaircraft Regiment (RA), die
zuvor schon den Kreis südtondern besetzt hatten. Kiebert, 76
Sylt im 2. Weltkrieg
Es gibt keinen Badebetrieb mehr. Kriegsverwundete werden auf der
Insel in Lazaretten behandelt. Der Zugang zur Insel ist ab 1944
nur mit Reisegenehmigung des Landrats des Kreises Südtondern
möglich. Der Zugverkehr wird dementsprechend stark eingeschränkt.
Die Wehrmacht rechnet mit einer Invasion von See. Deshalb werden
an der Westküste Bunker, MG- und Geschützstellungen errichtet. Zur
Sicherung des Hindenburgdamms gibt es Flakstellungen in Nösse und
auf dem Festland. Nahe der Blockstelle Hindenburgdamm wird 1940
die 5. Reserve-Flakabteilung 461 stationiert. Der Damm gilt wegen
des notwendigen Nachschubs als als kriegswichtig. Für evtl.
Schäden durch Bombenangriffe werden schnell zu installierende
Notbrückenmaterialien sowohl auf dem Festland als auch auf Sylt
gelagert. Es gibt ab 1940 vereinzelte Fliegerangriffe auf den
Damm. Auch ein Zug wird 1942 angegriffen, 1944 ein weiterer
Personenzug aus Hamburg. Schäden werden nicht angerichtet. Kiebert,
74ff
Ich erinnere mich an die Reste eines Bunkers südlich des Eibenhofs
in Tinnum. Er wurde durch die Engländer gesprengt. Meterdicke
glatte Betonplatten lagen jedoch weiterhin in strahlender Sonne.
Sie erwärmten sich im Sommer so stark, dass es für uns Kinder um
1960 viel Spaß machte, darauf barfuß zu laufen und uns zum Sonnen
drauf zu legen. Einige Jahre später wurde der Stahlbeton entsorgt.
Ekkehard Lauritzen
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Quellen:
Emma Scholz, Blick auf 100 Jahre Morsum, Band 2, Hamburg 1999
Frederick Taylor, Zwischen Krieg und Frieden, Berlin 2011
Bundesarchiv Berlin
Landesarchiv Schleswig-Holstein Abt. 460.17 Nr. 78. Im Text
zitiert als Landesarchiv.
Sylter Zeitung, 6.März 1933, S 2
Sylter Zeitung , 13. März 1933, S. 3
Harald Voigt, Der Sylter Weg ins Dritte Reich, Nord friisk
Instituut 1977
Wolfgang Kiebert, Der neue Weg -Zur Geschichte des
Hindenburgdamms, Berlin 2017
seitenanfang
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mehr zu Andreas Lauritzen
Wolfgang Kiebert, Der neue Weg - Zur Geschichte des
Hindenburgdamms, Berlin 2017
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