1 persönliche Eintragung von Hans Johler in sein Exemplar
vom Dammbau.
Warum befürwortete Hans Johler den Dammbau?
4 historische Buchbesprechungen zu Maragarete Boies Roman Dammbau
Hans Johlers Gedanken nach der Lektüre des Buchs Dammbau
1930, eingetragen in sein persönliches Buchexemplar:
Das Böse ist immer agressiv gegen mich und sein Anblick verletzt
mein Empfinden. Aber mein Verletztsein überwinde ich, um zu heilen in der
Freiheit von mir selbst. Doch wo man den Lügen glaubt, die mich anschwärzen,
glaubt ohne zu prüfen, da triumpfiert eben so lange die vorübergehende
Finsternis. Und so lange wir noch einen Kraftaufwand brauchen, um eine Beleidigung
zu überwinden, sind wir noch nicht recht lebendig und ganz gesund. Sei leidensfest
und bleib unbeirrt durch Trübsal irgendwo in der Heimat im Aufbau! "Der
Damm steht!"
Warum befürwortete Hans Johler den Dammbau?
Antworten darauf finden sich
im Roman von Margarete Boie z.B. auf S. 69f, als sie Pastor Eschels im Gespräch mit Baumeister Bremer sagen lässt:...aber die Morsumer schätzen das Geld nicht nur höher als Behagen und weichliche Bequemlichkeit, sondern höher auch als nützliche Erkenntnisse. Bildung -Bildung- äh wat, gebildet sind sie soweit man unter Bildung die Einheit versteht von Denken, Fühlen und Handeln, die Einheit des Seins. Aber diese Morsumer Bildung liegt unterhalb der Ebene, die ihren Fähigkeiten und Anlagen entsprechen würde. Ich möchte sie herausschütteln aus ihrer faulen Beschränktheit!Der Mensch soll sich nicht beschränken, er soll sich reckenund wachsen. Das wird den Morsumern erst kommen, wenn ihnen das Festland in die Hacken tritt.... Wir haben Verstand, wir haben Wille und Entschlusskraft, aber das alles schläft seit den Tagen der großen Sefahrt. Sie nehmen heute noch den Viehdünger von den Weiden und brennen ihn als Feuerung - sie sind nicht dumm, sie sind auch nicht eigensinnig, es sind tatsächliche innere Hemmungen, verursacht durch die tausendjährige insulare Abgeschlossenenheit. Und deshalb will ich den Damm, solange ich noch hier lebe und fähig bin, den Morsumern auch einen geistigen Damm nach Deutschland hinüberzubauen. Ich will ihn, obgleich er ein Werk des Teufels ist und Morsum daran zugrunde gehen wird.
Margarete Boie lässt Pastor Eschels im Gespräch mit Gemeindevorsteher Meinert folgendes sagen (S. 91f): Ich weiß wohl, dass der festländische Landwirt keine Ruhe mehr kennt. Dass seine Freiheit, seine Unabhängigkeit dahin, und er nicht mehr sein eigener Herr ist. Was Deutschland an Landwirtschaft hat, wird von den Riesenernten Australiens und Kanadas erdrückt. Hat der Bauer eine gute Ernte - der Grußhandel die Neuyorker Börse halten die Preise niedrig, so dass er keinen Vorteil davon hat. Und eine schlechte Ernte bringt ihn in Schulden. Bisher war der Sylter Bauer von dieser Sklaverei noch frei. Der Badebetrieb und die Westdörfer brauchten all seine Produkte und mehr als das, und die schlechte Verbindung mit dem Festland, mit den Handelszentren bewahrte ihn vor der Gleichmacherei, die von Übersee her diktiert wird. Auf Meinerts Einwand, wenn die Sylter Dörfer sich einig wären - entgegnet Peter Boi Eschels: So würde auch dies uns Morsumern nichts nützen. Die Westdörfer würden uns immer überstimmen. Müssten es auch, denn wenn dieser Damm nicht gebaut wird und diese Verbindung über Dänemark beibleibt, und beibleibt, dass alle Gäste, die auf die Insel kommmen, vorher in Hoyerschleuse eingesperrt werden, dann muss der Besuch bald abflauen. Die Badeorte sind abhängig vom Damm, die Sylter Landwirtschaft abhängig von den Badeorten. So sehe ich die Sache.
Pastor Eschels schildert seine Gedanken zum Dammbau gegenüber dem Propst folgendermaßen (S. 238f): Die Erschütterung der jahrundertealten Sylter Eigenkultur ist durch die Verbindung mit dem Festland unvermeidlich. Die einzige Möglichkeit ihres Fortbestehens liegt darin, daß die Insulaner vorher sich selbst ihrer bewußt werden. Daß sie selbst ihren Eigenwert erkennen. Sie sollen lernen, sie sollen wissen, was sie selbst wert sind! ...Das aber ist rein durch Selbstbetrachtung und Selbstgenügsamkeit niemals möglich. Willst du dich selber erkennen, sieh, wie die anderen es treiben! Die anderen: die Festländer, die Herren vom Bau, die Arbeiter. An ihnen soll der Sylter sich selbst messen lernen. Das Neue ist nicht mehr aufzuhalten. Der Damm kommt, ob der Morsumer ihn will oder nicht.
Im Gespräch mit Rasmus Claasen argumentiert Pastor Eschels so (S. 281f): Was die abgeschlossene Entwicklung Griechenlands und Roms meinem historischen Sinn, das ist das nunmehr vollendete Lebensbild Sylts meinem lebendigen Gefühl- (Rasmus Claasen:) Das vollendete - so sagst du selbst damit: Sylt ist tot! (Pastor Eschels:) Und sage dennoch: Es lebe Sylt!...Kann doch ein jeder Baum mehr als einmal in seinem Leben grünen, und wenn er im Winter auch noch so tot aussah. Freilich hat,s keinen Zweck, die alten Blätter künstlich festhalten zu wollen. Und wenn ihr Euer Sylter Friesisch heute noch pflegt, müßt ihr dessen eingedenk sein, daß es euch nur noch mit der Vergangenheit, nicht aber der Zukunft mehr verbindet - dein Junge hat recht: es reicht über die Insel nicht hinaus. Heute aber gilt,s für euch, aus deutscher Kraft zu leben; auf deutschem Stamm neue Frucht zu treiben! Geh in den Lesesaal. Sieh dir den alten Globus an, den Gondel dafür schenkte. Wie klein ist Europa! Wie winzig Deutschland! Sylt ist ein Pünktchen. Morsum ein Nichts. Das Kleine und Besondere aber geht immer mehr im Größeren und Allgemeinen auf - (Rasmus Claasen:) - oder unter!
Bemerkung des Herausgebers:
Mein Vater, ein Morsumer, hat nach der Volksschule die Insel verlassen. Ausbildung in Flensburg, als Soldat im 2. Weltkrieg, danach eine Phase der Neuorientierung in Morsum. Es folgte jahrzehntelange Arbeit bei Siemens in verschiedenen Städten Norddeutschlands. Trotz seiner weiterhin intensiven persönlichen Beziehung zu Morsum hat er uns Kindern nie friesisch beigebracht. Er hielt es nicht für wichtig. Lange habe ich das nicht verstanden. Gelegentlich habe ich mich deswegen später über ihn geärgert. Meine Cousins und Cousinen, die Morsumer Kinder sprachen es, mit denen ich manche Sommerferien verbrachte. Ich lernte ein wenig "Kinderfriesisch", alles was die Erwachsenen uns Kindern damals als Gruppe - dann auf friesisch- so sagten und was ich im Spiel aufschnappte. Nicht nur schmeichelhaftes. (Mein Friesisch-Gedächtnis ist ein Abbild der damaligen Erziehung). Mein Vater hat Margarete Boie meines Wissens nach nicht gelesen. Doch er hatte das selbe Gespür wie Pastor Eschels: Nicht rüchwärts gewandt Kindern, die in Hamburg, Kiel und Bremen aufwachsen, Söllring beizubringen, sondern sie ihre Kraft auf die Zukunft konzentrieren lassen. Es hat uns Kindern genützt, aber wir haben auch verloren. Nicht unsere mutiple Identität, aber ein Stück Kultur.
Ekkehard Lauritzen
Buchbesprechung von Curt Kohlmann in der "Lese", Köln,
ca. 6.9.1930:
Margarete Boie "Dammbau". Im Januar 1928 behandelte unser Leitartikel
das ragende Werk der Sylter Dichterin, die in ihren Büchern: Der Sylter
Hahn, Moiken Peter Ohm, Bo der Riese, Die treue Ose, Die letzten Sylter Riesen
- eine umfassende Geschichte der friesischen Insel und ihrer sturmgewohnten, harten
Bevölkerung geschrieben hat. Mit dem vorliegenden Roman "Dammbau"
krönt sie abschliessend ihr Werk und enthüllt noch einmal ihre verständnisvolle
Liebe für den eigenwilligen Volksstamm, der kantig und knorrig die Jahrtausende
überdauerte, um nun doch dem Geschick aller Ursprünglichkeit auf dieser
Erde zu verfallen: aufzugehen in ein größeres Ganzes. Wie sich die
prachtvollen Friesengestalten gegen die neue Zeit, die sich ihnen in dem Dammbau
verkörpert, der die Insel enge mit dem Festland verbinden soll, stemmen,
um doch zu unterliegen. Das ist von erschütternder, tragischer Wucht. Niemand
kann sich der Bitternis dieses Geschehens entziehen, zumal die Autorin mit überragender
Meisterschaft die in den Dammbau verwobene Tragik eines Einzelschicksals, des
letzten Morsumer Pfarrers, als Verstärkung der Bitternis des Gesamtgeschehens
zu malen versteht. In allen Nerven spürt man beim Lesen dieses bedeutenden
Kunstwerkes, welch eine zermalmende Cäsur das Jahr 1918 in das Leben aller
Zeitgenossen brachte, und wie sehr es notwendig ist, sich so oder so damit abzufinden.,
das Buch verdient wärmste Empfehlung.
Kritik des auf Sylt aufgewachsenen, in Hamburg literarisch berufstätigen
Thomas Hübbe in den Hamburger Nachrichten vom 22.11.1930::
Dammbau
Dieser Roman ist der Schlußstein des Baues, den Margarete Boie in die nordfriesische,
nämlich syltische Literatur mitten hineingestellt hat. Zehn Jahre hat sie
unter den Syltern gelebt, hat die Sylter Geschichte und Sage studiert, eifrige
Quellenforschung betrieben, Land und Leute kennen, verstehen und lieben gelernt
- und all dem Geschehen den Odem des echten Künstlers eingehaucht: des Künstlers,
nicht der Künstlerin. Denn Margarete Boie schreibt sachlich nach Mannesart.
Sie hat nun Sylt verlassen; aber in den zehn Jahren hat sie uns eine Reihe von
Arbeiten geschenkt, die uns die Sylter Art kennen und verstehen lehren. Ich erinnere
an ihre Raomane "Der Sylter Hahn", "Moiken Peter Ohm", "Die
letzten Sylter Riesen", "Waal - Waal" - die alle in diesem Blatte
ihre Würdigung gefunden haben. Was sie nicht nur den Syltern, sondern uns
Deutschen schlechthin gegeben hat, das wird man erst in späteren Zeiten ganz
ermessen. Sie hat die schon schlafende Chronik dieser überaus interessanten
Insel nach langem Interregnum wieder aufgenommen, in einer Form, daß auch
der Nichtforscher es lesen mag. Sylter selbst tun das nicht; da müssen Freunde
helfen. Wie stark ihr Können ist, möge man aus diesem ihrem Sylter Schwanengesang
erkennen.
Vom Festlande nach Sylt wird ein Damm gebaut, der "Hindenburgdamm".
Welch eine Dastellungskraft, welche Phantasie gehört dazu, diesen Klei und
Schlick und dieses Gestein mit dem Kunstgewerbe eines Romans zu umspinnen! Margarete
Boie hat es fertig gebracht, freilich mit einer Einschränkung: das übliche
Liebespaar des Romans figuriert vornehmlich nur einseitig, und dazu im wesentlichen
negativ. Der Dammbau: das ist es, worauf es ankommt, und um den sich alles dreht;
und der auch die Entwicklung der Liebesgeschichte nicht fördert, sondern
unheilvoll verzögert.
Das Dorf Morsum auf Sylt ist es, wo sich alles abspielt, das Dorf, das dem Damm
zunächst gelegen ist. Die Morsumer wollen den Damm nicht; sie empfinden ihn
als Störung ihres geruhsamen, anspruchslosen Daseins - nicht mit Unrecht.
Nun sind die Hauptpersonen des Ganzen der von der Regierung beauftragte Baumeister
des Dammes und der Pastor der Gemeinde Morsum. Im Gefolge des Baumeisters steht
das Heer der festländischen, jedem Pastorale abgeneigten Arbeiterschaft.
Der Pastor dagegen, als "unser Pastor" von der Gemeinde empfunden, wird
von dieser gedrängt, mit ihr gemeinsam den Dambau zu verhindern. Er aber
sieht weiter. Er sieht, daß der Damm unabweislich komt, und rät der
Gemeinde, sich darauf einzustellen. Was für die Einheimischen das schlimmste
ist: er erblickt in den Massen der binnenländischen Arbeiter auch Seelen,
die seiner Fürsorge anvertraut sind. Das lassen sich die Morsumer nicht gefallen,
und so formt sich der Konflikt des Romans. Indessen: der Damm wird gebaut, die
ungeheueren technischen Schwierigkeiten bilden das Hauptthema des Romans, nicht
minder aber die souialen zwei Welten stoßen hier zusammen; ihr Opfer ist
der Pastor. Er muß weichen. Die Morsumer haben ihn gestürzt; aber als
er gehen muß - er, der selbst ein Morsumer Kind ist - da haben sie das alles
"nicht so gemeint". Der Kenner dier Dinge darf hier verraten, daß
dies tatsächlich das Schicksal des letzten Morsumer Pastors gewesen ist.
Nur gibt Margarete Boie ihm in ihrem Roman einen anderen Namen; und zwar den eines
noch heute lebenden, christlich gläubigen Mannes von Morsum.
Buchbesprechung von Prof J. Malthaner in der University of Oklahoma Press,
April 1931:
Dammbau
Mit Liebe und feinem Verständnis malt M. Boie den Kampf , der einsetzt zwischen
der alten Generation mit ihrer gerechten, würdevollen und selbstzufriedenen
Art und der ruhelosen jungen Generation mit ihren neueren Begriffen und abweichenden
Anschauungen. Zwischen dem alten und dem Neuen steht die heroische Figur des Morsumer
Pastors, der sich aufopfert im selbstlosen Bemühen, um seinen Leuten ein
Führer zu sein und zugleich das Beste an ihrer Eigenkultur zu retten. Die
Erbauung des Dammes gestaltet sich zum Symbol von Deutschlands Kampf nach dem
Kriege. Zugleich gibt das Buch eine interessante und wertvolle Darstellung der
Sylter Eingesessenen, und der klare Stil wie die straffe Handlung machen die Erzählung
angenehm lesbar.
Buchbesprechung aus dem Hamburger Fremdenblatt vom 29.4.1931:
Margarete Boie: Dammbau. Sylter Roman aus der Gegenwart. Verlag J.F. Steinkopf,
Stuttgart. Die Wirkung des Dammbaues auf die Bevölkerung
Sylts, die mit diesem Bau aufgehört hat, eine Insel zu sein und zu dem Festland,
zu dem sie ursprünglich gehörte, zurückgekehrt ist, mußte
tiefgreifend sein, konnte aber nur von einem Schriftsteller geschildert werden,
der so innig mit den Inselfriesen verwachsen ist wie Margarete Boie. Der vorliegende
Roman beweist denn auch, daß sie die Eigenart ihrer Landsleute zu packen
und zu schildern versteht. Es war ein guter Gedanke, den Dammbau als ein Symbol
des Wiederaufbaues Deutschlands zu fassen und an ihm wie an einem Beispiel zu
schildern, welchen Hemmnissen und Widerständen beide begegnen. Das schlimmste,
das klingt auch aus diesen vortrefflichen Erzählungen heraus, sind die i
n n e r e n F e i n d e. Und wie der Vorkämpfer für diesen Damm zerbricht
an dem Widerstandseiner eigenen Heimatgenossen, so hat auch Deutschland am schwersten
zu kämpfen wider die eigenen Landgenossen. Auch Deutschland hat seine "Morsumesen",
wie Pastor Eschels, der Held dieses Romans, diejenigen unter seinen Morsumer Dorfgenossen
nennt, die unbedingt am Alten hängen und ihn deshalb hassen, weil er unter
gewissen Vorbehaltenfür das "Neue" eintritt. Die Typen dieser Inselfriesen
sind prachtvoll wiedergegeben, allerdings werden ihre Originale nicht allzu froh
über diese Darstellung sein, denn sie werden nicht etwa als die Vertreter
einer großzügigen Auffassung der friesischen Stammesart geschildert,
sondern als die Verteidiger eines kleinlichen Dorfegoismus, einer bösen Klatschsucht,
die sich nicht scheut, aus Vermutungen eine Anklageschrift gegen ihren eigenen
Pastor zusammenzudichten und seine Absetzung vom Landeskirchenamt zu fordern.
Diesen gegenüber steht die prachtvolle Figur des Pastor Eschels, der sich
aus Heimatliebe und Freude über den Dammbau für die ärmliche Dorfpfarre
von Morsum gemeldet hat und seine ganze Energie daransetzt, seine Dorfgenossen,
zunächst die Morsumer, dann die ganze Sylter Bevölkerung, aufnahmefähig
für das Neue zu machen, das der Damm bringt. Man möchte ihn den "letzten
Friesen" nennen, und schon aus diesem Grunde verdient der Roman Beachtung.
Wir hoffen, entgegen dem Pessimismus der Verfasserin, daß es noch mehr Eschels
auf Sylt, Amrum und Föhr gibt. Eine prachtvolle Figur neben diesem geistigen
Dammbauer ist übrigens auch der wirkliche Baumeister Bremer, der das "Werk
des Satans" durch alle Fährnisse hindurchleitet.